Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1920-01-01 · Heft 8-9 · p. 542

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 8-9
Article
Religiöses Leben
Date
1920-01-01
Page
542 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3101111-3101163-3101171-3105921--4464-3106053
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

542 Umschau: Religiöses Leben des Arbeiters und des Armen, das alberne, üppige Treiben ohne Selbstbesinnung, das Geschäft, das sich als Unzucht, und die Unzucht, die sich als Freiheit, Schönheit und Kunst maskiert . . . Die ganze Herrschaft von pöbelhaften, verlotterten, grausamen heuchlerischen und schmeichlerischen Menschen. Ich erschauere bei dem Gedanken, daß die heilige Stadt Jerusalem als Vorstadt von Newyork oder London oder Berlin neu erstehen könnte — so daß selbst dort die Schechino im Exil bleiben würde —, daß Jerusalem noch schlimmer werden könnte, als die Propheten es sahen, und keine Propheten da sein werden. Und deshalb scheint mir nur eine Hilfe möglich: wenn irgendwo in einem Winkel der jüdischen Welt eine große furchtbare Scham wach wurde, ein Sich- Schämen all der Häßlichkeit, mit der man sich vollgesogen hat — vor Gott, vor sich selber, vor dem Exil und vor dem Lande Israel; wenn die Scham um sich griffe und sich ausbreitete; wenn aus ihr nicht nur Worte und Ideen, sondern auch gleich Wege hervorkämen..." Birnbaum sieht im wesentlichen zwei Wege. Der eine ist die Forderung einer „unabhängigen, festgefügten und geordneten Glaubenshüterschaft". Diese neugeschaffene Instanz hätte die Aufgabe, neue Religionsgesetze, Vorschriften zu schaffen, neue Zäune zu errichten, alles, was die jüdische Gemeinschaft in ihrer Jüdischkeit bedroht, religionsgesetzlich als verboten zu erklären. Auf diesem Wege vermögen wir Birnbaum nicht zu folgen. Allzu mechanisch und allzu künstlich dünkt er uns, als daß er Erfolg versprechen könnte. Nicht durch Gesetz und Vorschriften von außen, sondern nur durch das Erwachen einer schöpferischen Glaubensgewalt in der chaotisch zerrissenen, suchenden und irrenden jüdischen Seele kann der Geist die Herrschaft über das Volk erlangen. Jede Glaubenshüterschaft führt zu Erstarrung und Leere, wie das Bild der heutigen Orthodoxie beweist, die nur allzu gerne den Buchstaben des Gesetzes erfüllt und gegen seinen Geist sündigt. Noch jede Kirche hat es zuwege gebracht, den Sinn der Religion in ihr Gegenteil zu verkehren. In unserem heutigen Zustande des zunehmenden Zerfalles, der Entartung und Erstarrung kann uns die Stiftung einer Kirche nicht helfen. Sie könnte eher das Gegenteil bewirken. Bitter notwendig ist uns nicht die Kirche, sondern das Erwachen der Scham, von der Birnbaum an anderer Stelle spricht. Der zweite Weg ist der Weg des Beispiels. Birnbaum selbst hat eine Gruppe gebildet, die sich „Olim", die Aufsteigenden, nennt. Diese Gruppe soll keine Sekte und kein Orden sein, sondern ein Verband von Menschen, die mit der Heiligung des Lebens ernst machen wollen. Denn Birnbaums Forderung erschöpft sich nicht in der Forderung, nach der Überlieferung zu leben, er stellt an die Strenggläubigen weitergehende Forderungen, die den Bezirk des ganzen Lebens umfassen. Als solche nennt er: die Ablehnung der Großstadt und die Rückkehr zum Landbau, Erhaltung der jüdischen Tracht und der jüdischen Sprache, körperliche Ertüchtigung, Erweiterung der Liebespflicht zwischen Mensch und Mensch usw. Birnbaum übersieht dabei, daß er sich — wofern er keine Sekte gründen will — gänzlich in das Reich der Utopie begibt. Denn eine zweitausendjährige Erfahrung hat uns gelehrt, daß im Golus die ganze Kraft des jüdischen Volkes im Abwehrkampf gegen die zerstörenden Wirkungen der Umwelt verbraucht wird und daß selbst die religiösen Bewegungen immer wieder in Unfruchtbarkeit verebbten. Die Erfüllung der Birnbaumschen Forderung des Lebens im Angesicht Gottes setzt zunächst die Erfüllung der Forderung nach einem freien Gemeinschaftsleben des jüdischen Volkes voraus. Birnbaum hat sich vom Zionismus abgewendet und kritisiert die zionistische Bewegung heftig ablehnend. Er übersieht, daß, was auch im offiziellen Zionismus an Leere, Maskilismus, Geschäftigkeit stecken möge, er doch das einzige Werkzeug ist, um im jüdischen Volke wieder die Voraussetzung für eine große Tat, für eine geisterfüllte Existenz zu schaffen. Ohne Religion wird diese Schöpfung nicht gelingen; aber ohne Zion wird die jüdische Religion ein blutleeres Gebilde bleiben. Durch eine äußere Verpflichtung auf das traditionelle Gesetz vermag jüdische Religiosität nicht erneuert zu werden. Zu weit hat das Leben von ihr abgeführt, zu stark ist das Volk von Zweifeln durchwühlt worden, um wieder in der Annahme alter Formen Ruhe finden zu können. „Glaubt ihr wirklich, daß Religion in Retorten destilliert und nicht vielmehr in Ewigkeit und Leben, in göttlicher Macht erwächst?"*) Ganz andere Umwälzungen stehen uns bevor. Die Erneuerung des Judentums, des jüdischen Volkes kann nur von innen kommen, aus der Glut und Inbrunst der jüdischen Seele, die die Bedrängnis der Knechtung nicht länger ertragen kann. Wir können nur alle Kräfte des Volkes zusammenfassen, unsere" Energien durch Herabsteigen zu den Tiefen erneuern, uns selbst aus den Fesseln der täuschenden Begriffssysteme befreien. Wir brauchen, worüber noch gesprochen werden soll, eine Jugend, die dem Leben in seiner ganzen Fülle zu begegnen weiß und aus deren Seele der religiöse Glutstrom hervorbricht, der im sozialen Leben zu sinnvollen Formen zu gerinnen vermag — nicht zwangsweise, sondern innerlich geistig gebunden an die Tradition des Volkes. *) Birnbaum a. a. 0. S. 18.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.