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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 8-9 · p. 541

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 8-9
Article
Religiöses Leben
Date
1920-01-01
Page
541 (sequence 5)
Language
German
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Umschau: Religiöses Leben S4i Heinrich Margulies,*) der auf Grund solcher Erwägungen den Machttrieb als gleichberechtigt neben die Sittlichkeit stellt und daraus Konsequenzen für die zionistische Orientierung ableitet, scheint uns trotz der oftmaligen Betonung der Antithese Wille — Intellekt diese entscheidende Einstellung vermissen zu lassen. Seine Erwägung, die bei rückschauender Geschichtsbetrachtung am Platze sein mag und dort von niemandem bekämpft wird — denn niemand leugnet in der historischen Entwicklung die materielle Komponente —, ist dort nicht am Platze, wo es um die Frage des menschlichen Verhaltens geht, um die Antwort, die der Mensch auf die an ihn herantretende Umwelt gibt. Hier sorgt die Umwelt, der grobe Klotz der Materie, schon für sich selbst; Sache des Menschen ist lediglich die Bewältigung des Widerstandes, die Gestaltung nach seinen inneren Kräften, nach der Forderung des Geistes. Dieser Herrschaft des Geistes sich bewußt unterwerfen und ihn im Leben verwirklichen — nur dies ist Religion. Nicht in der Annahme von Dogmen und in der Ausführung von Vorschriften kann sie sich erschöpfen. „Die heutige Krise kann nur durch die Religion überwunden werden, durch eine vergeistigte, wahrhafte Religion. Bisher hatten die Menschen nur eine Festtags-, eine zeitweilige Religion; die moderne Seele ringt um eine beständige religiöse Stimmung, die sich immer, überall und unter allen Umständen des energischen Lebens bewährt"**). Auch für das jüdische Volk kann die Krise nur durch eine „beständige religiöse Stimmung" überwunden werden. Daher vermögen wir nicht an die Wirksamkeit jener Versuche zu glauben, die die jüdische Religion durch eine Zurückführung zur alten Gesetzesfrömmigkeit erneuern möchten, denn ohne eine schöpferische Erneuerung muß diese Orthodoxie unfruchtbar bleiben und erstarren. Das gilt auch für Nathan Birnbaum, der gegenwärtig der prominenteste Vertreter dieser Anschauung ist. Birnbaum hat eine Anzahl Aufsätze unter dem Titel „Um die Ewigkeit" erscheinen lassen.***) Dieses Buch ist ein Bekenntnisbuch von einer Kraft und Leidenschaft, die ihre Wirkung nicht vetfehlt und mit größter Ehrfurcht aufgenommen zu werden verdient. Das Buch gehört in die Reihe jener Dokumente, die mit den Konfessionen des Augustinus anheben; es ist der menschlich ergreifende Bericht *) Kritik des Zionismus, i. Band: Volk und Gemeinschaft, Verlag R. Löwit, Wien. **) Th. G. Masaryk, Für die religiöse Freiheit, Der neue Merkur, April 1920. ***) Nathan Birnbaum, Um die Ewigkeit, jüdische Essays, Weltverlag Berlin 1920. einer Bekehrung. Die „große Wende seines Lebens" nennt Birnbaum seine spät gereifte Erkenntnis, daß alles Judentum leer und nichtig sei, wenn man sich nicht auf den Boden der positiven Satzungen der jüdischen Religion stelle. Birnbaum hat viele Wandlungen durchgemacht, bevor er dieses Stadium erreichte. Er kommt von einer völlig rationalistischen, freidenkerischen Denkweise her, die jedes religiöse Element von vornherein ablehnte, und erst durch die Erfahrungen eines Menschenlebens, durch die liebevolle Versenkung in das Leben des jüdischen Volkes — worunter Birnbaum das Ostjudentum versteht — gelangte er endlich zur Einsicht der Ungeheuern Kulturkraft der Religion und des Gottesgesetzes und verstand jetzt erst, welche große Revolution das Judentum der Menschheit brachte, dadurch, daß es zwischen die Sinnenwelt und den Menschen den Geist einschob, auch das metaphysische Bedürfnis nicht in der Richtung von der sinnlichen Erfahrung zur Abstraktion befriedigend, sondern durch die unmittelbare Ergreifung Gottes und seine Einführung in die Welt. Birnbaums Buch ist ganz persönlich, es spricht nicht theoretisch und nicht historisch über Religion, sondern es spricht von dem eigenen religiösen Erlebnis, freilich mehr in negativer als in positiver Darstellung, mehr in Polemik als in Offenbarung. Ein solches Buch ist notwendig Propaganda. Birnbaums Kritik richtet sich vor allem gegen zwei Typen von Juden: die einen nennt er die Heidenjuden, jene Aufklärer, die Gottes Ewigkeit preisgegeben und sich der „Heidenrebellion" verschrieben haben, die Ungläubigen, die ganz und gar im Kultus der Sinnenwelt aufgehen, ob sie nun „Bildungs- oder Handelsverdiener oder ein Gemenge von beidem" sind. Auf der anderen Seite geißelt er aber auch jene Literatenhaftigkeit, die das religiöse Suchen der Zeit zu einem schöngeistig-philosophischen Intermezzo allerlei intellektualistischer Stimmungen erniedrigt, weltenweit entfernt von dem monumentalen Religionsinstinkt des jüdischen Volkes. Um diesen Gefahren zu entgehen, denen vor allem die volksentfremdete Intelligenz erliegt, sieht Birnbaum nur einen Weg: die lebendige Verbindung mit [der Volksseele. In den Ostjuden ist Religion die Leidenschaft, Erlösung und Gestaltung eines ganzen Volkes. Auch die Gründung eines Judenstaates in Palästina kann nicht helfen, wenn sich nicht eine Umkehr im Volke vollzieht. „Ich erschauere bei dem Gedanken, daß auf Palästina der ganze Pech- und Schwefelregen der europäischamerikanischen Welt niedergehen könnte, daß auch dort der Öde Rummel losbrechen und man darauf noch stolz sein könnte. Ich erschauere bei dem Gedanken, daß dort wieder beginnen könnte die alte Jagd nach Geld, die Unterdrückung

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