Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Religiöses Leben
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 543 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101163-3101171-3105921--4465-3106054- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Umschau: Einiges zum Kapitel Landespolitik 543 Vielleicht kann eine neue Erziehung uns diese Jugend schaffen; nicht indem sie sie nun nach bestimmten Methoden zu erzeugen vermöchte, sondern indem sie den Golem bildet, der den „Schern", den Hauch des Geistes aufzunehmen vermag. Eines tut hierzu vor allem not: daß die Erziehung die Scheinbindungen zerstört, die heute die Seelen der Jugendlichen fesseln, und ihr jenes negative Gut sichert, das die Bedingung jedes positiven ist: Freiheit — „Gottes Wort, eingegraben auf den Tafeln". Robert Weltsch BERICHTE VON EINIGES ZUM KAPITEL LANDESPOLITIK (Ein Nachwort zu den deutsch-öster-~ reichischen Nationalratswahlen) Trotz eines ziemlichen Zuwachses an Stimmen gelang es nicht einmal, den Führer der zionistischen Liste durchzubringen. Die bewußte Judenschaft Deutsch-Österreichs bleibt somit ohne eine entsprechende Vertretung. Abg. Stricker hatte im großen und ganzen seinen Platz sehr würdig ausgefüllt und bewiesen, daß ein unerschrockener, fähiger, sein Volk liebender Mann, auch wenn er allein ist, manches zu leisten vermag. Und trotzdem ist er nicht wiedergewählt worden. Und dies, wiewohl — wie die Gesinnungsgenossen, die die ganze Wahlarbeit geleitet haben und Stricker selbst behaupten — die Organisation der Wahlarbeit eine glänzende gewesen war. Als schweren Mangel geben sie allerdings an, daß es an Arbeitskräften gefehlt hätte: es fehlten die Studenten, die Sportler, die älteren Gesinnungsgenossen und viele der besten Zionisten. — Hier will unsere Betrachtung ansetzen. Es hat bei der sehr wichtigen Wahlarbeit nach den eigenen Angaben der „Landespolitiker" so ziemlich das wertvollste zionistische Element gefehlt. Warum? Um es nun gerade heraus zu sagen, weil die Landespolitik zur reinen Wahlpolitik geworden ist: innerhalb der zionistischen Landesorganisation lösen die verschiedenen Wahlen einander ab. Alle Menschen und materiellen Mittel werden hiefür absorbiert. Nun ist aber die jüdische Repräsentanz im Nationalrat und den verschiedenen Vertretungskörpern auch im besten Fall nicht mehr als eine moderne Schtadlanutpolitik, sie ist dringend notwendig, aber trotzdem bloß ein Überbau der großen nationalen Erziehungsarbeit, deren unser Volk bedarf. Die wahlpolitische Arbeit hat aber jede andere zionistische Arbeit aus dem österreichischen Zionismus verbannt Die gesamte allgemeine zionistische Organi- JÜDISCHEM LEBEN sation ist infolge der politischen Arbeit völlig versandet und ihrer ganzen Schwungkraft beraubt worden. Vor allem herrscht innerhalb ihrer (die obersten Führer miteingerechnet) eine völlige Unkenntnis der Vorgänge in Palästina. In dieser Hinsicht sieht es in der österreichischen Partei so aus, wie vor 20—25 Jahren: da man Erez-Israel nicht kennt und dafür kein lebendiges Interesse hat, so begnügt man sich mit den wohlbekannten Gemeinplätzen über das „Land unserer Zukunft", das „Land unserer Söhne", über die herrlichen Kolonien, über das Land, in dem Milch und Honig fließt, wo der Jude stolz hinter dem Pfluge einhergeht usw. Es genügt, einen Blick in die zionistische Presse zu tun, um sich von ihrem ganz veralteten Standpunkt in allen Palästina-Fragen zu überzeugen. Es fehlt ja schon die Hauptvoraussetzung für die Kenntnis der Vorgänge und Strömungen im Lande, die Kenntnis der hebräischen Sprache. Die Führer und deren Sekretäre können noch immer nicht hebräisch, und warum sollten dann die Geführten besser sein? Alles, was für Palästina geschieht, wird von der Peripherie der Organisation aus, von Fraktionen und kleinen Gruppen geleitet. Ja, es geschieht oft gegen den Willen der Offiziellen. Ein Beispiel für viele: die Alijahbewegung mußte der Parteileitung abgetrotzt werden, diese Bewegung, die aktives Interesse — man kann sagen — in allen Schichten der jüdischen Bevölkerung geweckt hat. Die zionistische Organisation hat es sich entgehen lassen, die Vorgänge in Palästina zum Gegenstand einer tiefen Propaganda zu machen, um lebendiges Interesse und Opferwilligkeit in der hiesigen Judenheit zu entzünden. Es zeigte sich das charakteristische Merkmal der Oberflächlichkeit an Stelle innerer Überzeugung: die Partei, nämlich ihre Führer, fürchte, daß die öffentlichkeit von den wahren Verhältnissen erfahre. Sie hatten Angst, nach den Pogromen in Jerusalem unsere Wunden vor der Judenheit zu entblößen; so fürchten sie im jetzigen Moment der materiellen Krise im Zionismus öffentlich auf die Ursachen dieser Schäden hinzuweisen. Sie begreifen nicht, daß nur durch