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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 8-9 · p. 540

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Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 8-9
Article
Religiöses Leben
Date
1920-01-01
Page
540 (sequence 4)
Language
German
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540 Umschau: Religiöses Leben Auffassung alle Werke äußerer Macht für letzten Sprödigkeit der menschlichen Natur keinen Bestand haben können und die einzige Rettung vom Seelischen her erwartet. „In einem Wort lassen sich die Grundsätze zusammenschließen, in einem Losungswort: von innenl"*) Wenn Otto Flake, von diesem Gegensatz ausgehend, jüngst darauf hinweist,**) daß der Sozialismus, am Christentum gemessen, nur Fortsetzung mit andern Mitteln ist, was seinen Grund darin hat, daß er die reale Sphäre nicht wie das Christentum verneint und daher des Mittels der Macht bedurfte, so kann demgegenüber geltend gemacht werden, daß die Verneinung der realen Sphäre vielleicht für das spätere Christentum (die urchristliche Gemeinde war ja verwirklichter Kommunismus) zutrifft, nicht aber für den Gegensatz Religion—Sozialismus schlechthin. Gerade das Judentum mit seiner ganz dem wirklichen Leben zugewandten Forderung läßt keine Vertröstung auf ein Jenseits gelten, sondern fordert Verwirklichung, unmittelbare Verwirklichung, unmittelbaren Aufbau der wahren Menschen-Gemeinschaft. Man wird unter einem solchen Gesichtspunkt vielleicht erst spät die gesamte Geschichte des Judentums ebenso wie viele ihrer Einzelphänomene begreifen lernen, wenn man versteht, daß das Ringen um die Gemeinschaftsideale der Kampf um die Erfüllung der göttlichen Aufgabe ist. „Die Religion ist es und sie allein, die in klar übersehbarer Weise zu der Verwirklichung des Guten und Rechten führt. Die Wissenschaft kann sonst in ihrer Eigenart... nur vorwärtskommen, wenn der Wille zur Wahrheit besteht; sie ist vom ihm abhängig, sie kann ihn aber von sich aus selbst nicht hervorbringen." In dieser Gegenüberstellung von Verwirklichung und Wissenschaft, die der bekannte Rechtsphilosoph Rudolf Stammler vornimmt, ist derselbe Gegensatz von Religion und Sozialismus im obigen Sinne gemeint.***) Stammler deckt in einer logischen und begriffskritischen Untersuchung die Unzulänglichkeit der materialistischen Geschichtsauffassung einerseits, des naturrechtlich fundierten Utopismus andererseits auf. Er findet die „Richtlinie der unbedingten Allgemeingültigkeit eines Wollens", das allein die Grundlage eines richtigen sozialen Lebens sein kann, unter Ablehnung jeder Form des Eudaimonismus, in dem idealen Begriffe der Gerechtigkeit. *) Buber, Der heilige Weg, S. 88. **) Der neue Merkur 1920. Heft 1. ***) Rudolf Stammler, Sozialismus u. Christentum, Erörterungen zu den Grundbegriffen und den Grundsätzen der Sozialwissenschaft. Leipzig 1920, Verlag von Felix Meiner. ist die Gerechtigkeit die Norm des sozialen Handelns, deren Erkenntnis die Wissenschaft durch kritische Untersuchung zu vermitteln vermag, so bedarf es zum gerechten Handeln doch noch eines entscheidenden Schrittes, den nur die „Liebe" zu vollziehen vermag. Gerechtigkeit ist für Stammler nur die Möglichkeit des gerechten Handelns, die Verwirklichung kann allein durch das affektive Ergreifen dieser Möglichkeit verbürgt werden. „Wie das Recht zu seiner Verwirklichung der Macht bedarf, so ist der Gerechtigkeit zu ihrer Bewährung die Liebe vonnöten." Was hier Liebe genannt wird, ist aber letzten Endes die Liebe zu Gott, von der das jüdische Gebot sagt, sie müsse mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft erfolgen, ausschließliche Richtlinie für das Handeln und das Leben des Menschen. Auch Stammler ist durch die Identifizierung von Religion und Christentum in seiner Deduktion gehindert, daher übersieht er, daß im eigentlichen Sinne Religion nicht jene Liebe ist, die die Hinneigung zum richtigen Tun veranlaßt, sondern die Verwirklichung selbst, die menschliche Tat der Entscheidung für das Gute, der Wahl des rechten, des heiligen Weges. In unserem Sprachgebrauch ist Gerechtigkeit nicht bloß ein idealer Begriff, sondern ein menschliches Verhalten „(Z'dakah"), eben jene menschliche Tat, die aus dem religiösen Impuls der Liebe fließt und deren Produkt in einer „reinen" Welt die „reine" Gemeinschaft sein müßte. Die bewegende Kraft aber ist die Vorstellung des sozialen Ideals der vollkommenen Gemeinschaft, wie sie das Judentum als das Messiasreich konzipierte. Demgegenüber ist Stammlers auf Kant gestützter sozialer Idealismus schwächlich und matt. Wenn er übrigens betont, daß die Idee lediglich der Leitstern des Handelns ist und im empirischen Leben niemals erreicht wird, wenn er auf die psychologische Bedingtheit jedes Wollens, daher auf die empirische Unmöglichkeit des „reinen" Wollens hinweist, so ist damit keineswegs gemeint, daß von vornherein diese Bedingtheit in die menschliche Erwägung mit aufgenommen werden soll; eine solche Haltung widerspräche der Radikalität und Ausschließlichkeit der religiösen Forderung. Es ist dies lediglich eine erkenntnistheoretische Feststellung, keineswegs eine praktische. Dies zu betonen, scheint nicht unnötig, da gerade Stammlers Lehre vom richtigen Recht und sein Buch „Wirtschaft und Recht" den Anlaß geboten hat, innerhalb der zionistischen Ideologie eine Theorie aufzustellen, die auch für das praktische Handeln die Ausschließlichkeit der sittlichen Forderung in Abrede stellt un'd das Rechnen mit der Bedingtheit des politischen und wirtschaftlichen Lebens verlangt.

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