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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 8-9 · p. 539

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Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 8-9
Article
Religiöses Leben
Date
1920-01-01
Page
539 (sequence 3)
Language
German
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Umschau: Religiöses Leben 539 soll, wird nur dauern, wenn es eine geistige Macht ist. Das bedeutet aber gelebte Religion, Religion des gemeinschaftlichen Lebens und Offenbarung Gottes in der Gemeinschaft. Im Gegensatz zu den mit abgelebten Herrschaftsformen kämpfenden Revolutionen der modernen Staaten ist unsere Revolution die „siedelnde" Revolution, eine Möglichkeit des Bauens von Grund auf. „Grundsätze" dieser neuen Welt veröffentlicht Buber in den „Worten an die Zeit". *) Er will den grundlegenden Elementen menschlicher Existenz und menschlichen Zusammenlebess wieder ihren tiefen, mythischen Sinn geben. Und in dem zweiten Heft derselben Sammlung charakterisiert er die möglichen Formen der Gemeinschaft als Ortsgemeinde, Genossenschaft, Kameradschaft, Brüderschaft. Dabei stützt er sich auf Tönnies' Unterscheidung von Gesellschaft und Gemeinschaft**) und stellt der mechanischen Gesellschaft die aus organischen Beziehungen erwachsende geistverbundene, d. i. also religiös erfüllte Gemeinschaft gegenüber. Während der moderne wissenschaftliche Sozialismus dem seelischen Moment eine ganz untergeordnete Rolle zuweist und sein Ziel in der Herbeiführung einer auf sozialistischen Grundformen aufgebauten klassenlosen Gesellschaft sieht, betont Buber in Anlehnung an Gustav Landauer und an Krapotkin die Notwendigkeit, daß dieser Aufbau aus den stärksten inneren Triebfedern der menschlichen Seele heraus geschehe und daher zunächst in dem unmittelbaren Lebenskreise jedes einzelnen Menschen, im Kreise der natürlichen Gemeinschaft, in einer der oben angeführten Kategorien unternommen werde. Ihm ist die unmittelbare Gemeinschaft zwischen Mensch und Mensch die Grundlage jeder neuen Weltordnung, daher ihre Zelle der Bund und die Gemeinde. Die durch starke Gemeinschaftsbande zusammengehaltene Gemeinde ist der Ort, wo allein die zentrale Aufgabe der jüdischen Religion, das Leben im Ebenbilde Gottes, realisiert werden kann. Man könnte, von der Politik her gesehen, diese Forderung als eine Art religiösen Sozialismus bezeichnen, wenn man nicht fürchten müßte,'daß dieses Wort mißverstanden wird, da heute die Worte Religion und Sozialismus zu vieldeutig sind. Charakteristisch ist jedenfalls, daß der palästinensische Arbeiter A. D. Gor- *) Buber, Worte an die Zeit. Eine Schriftenreihe. Erstes Heft: Grundsätze, zweites Heft: Gemeinschaft. Dreiländer-Verlag. München — Wien —. Zürich 1919. **) Tönnies' Buch „Gemeinschaft und Gesellschaft, Grundbegriffe der reinen Soziologie", ist soeben im Verlag Karl Curtius, Berlin, in neuer Auflage erschienen. don*), der in seiner Forderung nach einem neuen Leben des Volkes und der Menschheit gleichfalls die Notwendigkeit unmittelbarer natürlicher Lebensgemeinschaften in starker Verbindung mit der Natur und dem Boden betont, das Wort Sozialismus in einer fast kapriziösen Weise radikal ablehnt. Er sieht im Sozialismus den Inbegriff des mechanischen Prinzips, das nur auf die Schaffung des Mechanismus der Gesellschaft ausgeht. Ihm gegenüber stellt er die Idee des Nationalismus als des Prinzips des organischen Werdens einer Menschengemeinschaft auf eigenem Boden, als des Prinzips der kosmischen Verbindung des Menschen mit der Natur seiner Heimat und seinen Volksgenossen. Gordon übersieht dabei, daß auch das Wort „Nationalismus" bereits verbraucht ist, daß es als rein vitaler, ungeistiger Macht und Expansionsdrang gerade ins Gegenteil dessen umschlägt, was Gordon anstrebt; denn wie er in seinen Aufsätzen und Reden (zuletzt in seinem Aufsatz „Awodatenu meatah" im 9. Heft der vorzüglich redigierten Jaffaer Zeitschrift „Maabaroth") ausführt, geht es ihm um die Schaffung eines neuen, arbeitenden, schöpferischen Volkes, das den schärfsten Kampf gegen die Parasiten in seiner eigenen Mitte führt und aus einem neuen kosmischen Gefühl heraus Zustände der Brüderlichkeit („Achwah") nicht nur unter den eigenen Menschen, sondern auch als Volk unter den Völkern schafft, — eine neue Idee der Völkerverbindung und Völkerverbrüderung durch die Verwirklichung wahrhafter Menschlichkeit im Kreise jedes einzelnen Volkes; und vorangehen soll das jüdische Volk, ein vorbildliches Gemeinschaftsleben in Zion. Dies jst im gebräuchlichen Sinn weder Sozialismus noch Nationalismus, aber es ist beides in einer eigentümlichen Verbundenheit unter der Herrschaft des höheren Gesetzes des Geistes. Wir sehen, daß auch diese Konzeption im Grunde eine religiöse ist, wenn sie auch nicht in hergebrachtem Sinne mit einem Gottesbegriff operiert. Von der irdischen Seite her gesehen ist Religion eben nur im sozialen Zusammenleben realisierbar. Dennoch ist der Gegensatz zwischen der religiösen Auffassung und etwa der sozialistischen nicht zu verkennen. Extrem läßt es sich so formulieren, daß der Sozialismus die Herbeiführung der neuen Gemeinschaftsordnung mit den üblichen Mitteln der Politik, vor allem mit dem Mittel der Gewalt, der Erringung der äußeren Macht (Diktatur) anstrebt, während die andere Endes ergebnislos hält, da sie angesichts der *) In deutscher Sprache erschienen von ihm „Vier Briefe" als erstes der „Bücher der Arbeit", Weltverlag Berlin, sowie mehrere Aufsätze im „Juden" und in der „Arbeit".

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