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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 8-9 · p. 538

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Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 8-9
Article
Religiöses Leben
Date
1920-01-01
Page
538 (sequence 2)
Language
German
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538 Umschau: Religiöses Leben Wachens der Religion dartun, die Seelen bereit machen, auf daß sie nicht ausweichen, wenn sie die Berührung des Absoluten spüren. In diesem Sinne kann eine Rede über religiöses Leben niemals positiv, immer nur negativ sein. Positive Satzung, Regeln und Dogmen versperren nur den offenen Blick, vermögen auch über ein Vakuum hinwegzutäuschen; wichtig ist nur, daß der gefesselte Mensch, der um seine Fesseln nicht weiß, erfahre, was Freiheit ist, so wie der Mensch im Platonischen Höhlengleichnis erst aus der Kenntnis des Lichtes die Nichtigkeit seiner bisherigen Schattenwelt verstehen lernt. Buber will nichts anderes als den Weg erleichtern, indem er vor den versperrten Wegen warnt. Nur eines muß gesagt sein: die größte Gefahr für den jungen Menschen ist nicht das Versagen vor der religiösen Forderung, sondern die scheinbare Erfüllung. Das ist eine Erscheinung, die irr der heutigen Zeit sehr häufig begegnet und die viel weiter vom rechten Weg abführt, als völlige Verneinung. Die literatenhafte Reaktion auf religiöse Stimmungen, das Kokettieren mit dem Erlebnis, eine seichte fiktive Religiosität läßt sich nur durch ein Erfassen der religiösen Realität vermeiden, die in der lebendigen Volksgemeinschaft seelenhaft lebt. Denn aus dieser Verbindung kann das Individuum Kräfte schöpfen, die in seinem Innern wieder aktiv zu machen sind. Erst durch diese Verbundenheit gewinnt der suchende Mensch Rückhalt und Substanz. Die jüdische Jugend bedarf dieser Verbundenheit nicht nur um des religiösen, sondern auch um des nationalen Elementes willen. Denn der Geistesprozeß der jüdischen Vergangenheit ist ein religiös schöpferischer, und ohne in die Abgründe dieses Geisteskampfes gestiegen zu sein, kann kein Volksgenosse die wahre nationale Weihe finden. Entscheidend für diese Generation ist es, ob das junge jüdische Geschlecht die alte Linie wieder aufzunehmen und den alten Gehalt mit neuer Inbrunst zu erfüllen vermag. Hier ist schon eine gewisse Beziehung zwischen dem religiösen Leben des Einzelnen und der Gemeinschaft aufgedeckt. Diesen Zusammenhang könnte man vielleicht als vitaler Natur bezeichnen; es ist der naturgegebene Zusammenhang, der im Erlebnis des Einzelnen die verwandten Erlebnisse der ihm durch Blutsbande durch die Jahrtausende zugehörigen Menschen mitschwingen läßt, unlöslich verbunden, wie die mitschwingenden Obertöne eines Akkordes. Durch diese Orientierung gewinnt die religiöse Vorstellung Gestalt. Die andere Frage aber ist die nach der ethischen Verknüpfung zwischen Einzelnem und Gemeinschaft im religiösen Erleben. Es gibt kein stärkeres Individualerlebnis als das religiöse, das den Menschen in wüstenhafter Einsamkeit dem göttlichen Feuer gegenüberstellt; und doch hat kein Ereignis so starke soziale Wirkungen wie das religiöse. Und nirgends ist diese Wirkung so deutlich wie im Judentum, denn die spezifische Eigentümlichkeit der jüdischen Lehre liegt darin, daß es Aufgabe des Menschenlebens ist, durch alle Wirrnisse der Wirklichkeit Gott zu folgen, seiner Stimme gegenüber allen Anfechtungen Gehör zu geben, und mitten in der Verflochtenheit in Bedingungen und Zwecke seine reine Wahrheit zu verwirklichen im L e b en — jedes Leben ist aber ein Phänomen der Gemeinschaft. Kein Widerstand, keine Schwierigkeit und Lockung ist so stark wie die in Gemeinschaff anderer Menschen erlebte. Es besteht eine unlösbare Abhängigkeit zwischen dem Individuum und der Gemeinschaft, in der es steht, die seine Umwelt bestimmt. Zwei Verhaltungsweisen gibt es als Antwort auf diese ewige, alltägliche Situation: die Abfindung, Angleichüng, der Ausgleich mit den Dingen — oder der schöpferische Kampf der Umgestaltung um der Verwirklichung des Geistes willen. „Die Gesinnung des Vertrages'* ist der Ausdruck eines Zustandes der Entartung, in dem die Quellen lebendiger Religiosität versiegt sind. Der Wille zur Ganzheit dagegen offenbart sich in der „Tendenz der Verwirklichung", die das kostbarste Erbe des klassischen Judentums ist. Verwirklichung im Leben meint Verwirklichung in der Menschengemeinschaft. Dies ist die soziale Funktion der jüdischen Religiosität als ethischpolitische Aufgabe. Diese andere Seite des Zusammenhanges zwischen religiösem Individualerlebnis und sozialer Gemeinschaft ist der Gegenstand von Martin Bubers Schrift „Der heilige Weg", *) die als siebente seiner Reden über das Judentum deren Abschluß und Krönung zugleich ist. Die Verwirklichungsidee zeigt er als die tragende Macht der Geistesgeschichte, zeigt ihren Verfall und ihr Aufflackern in der Galuth, ihr allmähliches Versanden in Abwehr und Anpassung. Was soll Israel tun, um wieder lebendig zu werden? Die Wege der Humanitarier, der Nationalisten und der Orthodoxen haben sich bereits als Fehlwege erwiesen, sie alle vermögen auch der logischen Prüfung nicht standzuhalten. Es bleibt der eine Weg, der heilige Weg der Verwirklichung, der nichts anderes sein kann als der Aufbau einer Menschen-Gemeinschaft nach Gottes Ebenbild. Es ist der Weg, der über Zion zur Erneuerung der menschlichen Gemeinschaft führt. Das Gemeinwesen, das in Palästina errichtet werden *) Verlag von Rütten & Loening, Frankfurt a. Main 1919.

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