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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 8-9 · p. 536

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 8-9
Article
Die Frau in der zionistischen Bewegung
Date
1920-01-01
Page
536 (sequence 4)
Language
German
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536 Umschau: Frauenfragen ringschätzung der natürlichsten und einfachsten produktiven Frauenarbeit, in einer Verachtung aller Frauenvereine. Diese Haltung aber ist der Ausdruck und bildet zugleich die Steigerung einer Erscheinung, die sich immer mehr und immer bedenklicher in Palästina und im Galuth geltend macht, der Fremdheit und Unwilligkeit, mit der die Jüdin den einfachsten und produktivsten Zweigen weiblichen Wirkens gegenübersteht. Diese Fremdheit und Unwilligkeit zeitigt in Palästina Folgen, die jedem Fremden sofort i§s Auge fallen: die Häuslichkeiten sind unwohnlich, die Mahlzeiten schlecht und unsauber, die Kinder äußerlich und innerlich undepflegt. Ja, es zeigt sich sogar eine sehr gefährliche Erscheinung, die mindestens zum Teil gleichfalls auf die Scheu der Frau vor ihren natürlichsten Pflichten zurückgeführt werden muß: die Geburtenziffern bleiben hinter den aus volkswirtschaftlichen und — nicht zu vergessen! — aus politischen Gründen erforderlichen zurück. Ganz klar hat man diese Situation und ihre inneren Bedingungen erst heute erkannt, da wir bereits in die Phase der Erfüllung unserer zionistischen Versprechungen eingetreten sind, da Palästina einer großen Einwanderung geöffnet ist und da eigentlich schon eine festgefügte, im Kern gesunde Gemeinschaft die Ankömmlinge absorbieren und sich und ihrer Eigenart anpassen müßte* Mit vielem anderen, was sich in diesem Moment als Versäumnis herausstellt, tritt auch der Mangel eines bewußten weiblichen Wirkens an der notwendigsten Stelle zutage. In diesem Augenblick stellt sich der Mangel einer Frauenarbeit heraus, die — in klarem Erkennen der elementarsten Aufgaben der Frau in der Kolonisation des Landes — die Erziehung von Frauen und Mädchen zu innerlicher Erfassung und äußerer Bewältigung dieser Aufgaben in die Hand genommen hätte. Es zeigt sich, daß — weil Frauen verabsäumten, den Anstoß dazu zu geben — die Gesamtorganisation unterließ, sich die richtigen Frauen in Palästina heranzubilden. Nun droht plötzlich zu einer schweren Gefahr zu werden, was früher uns als ein Nachteil erschien: die schlechte Ernährung der Arbeiter, die Unsauberkeit der Siedlungen, die unrationelle Verwendung der Mittel und dier'1hieraus entspringende Unzufriedenheit und Freudlosigkeit. Es ist niemals zu spät zum Einholen einer Versäumnis. Als in den Tagen der Londoner Jahreskonferenz jeder einzelne Zionist erkannte, daß der Zionismus in ein Stadium eingetreten ist, in dem nur höchste Energie j edes einzelnen Gliedes der Organisation diese am Leben erhalten kann, kommt in London eine Anzahl Frauen aus den verschiedensten Ländern zusammen, bei denen sich eine erstaunliche Übereinstimmung gewisser Überzeugungen herausstellt. Gemeinsam ist ihnen vor allem die Überzeugung, daß in einem so kritischen Augenblick der zionistischen Entwicklung die Frauen mit ganz andrer Kraft und Energie als je zuvor zur Tat gerufen werden müssen. Gemeinsam ist ihnen die Überzeugung, daß nur durch eine starke eigne Organisation die einzelnen Frauenkräfte gesammelt und fruchtbar gemacht werden können. Und gemeinsam endlich ist ihnen die Erkenntnis, daß die wichtigste Aufgabe der Frau innerhalb der zionistischen Bewegung darin liegt, sich selbst und ihre Mitschwestern zur eigentlichsten, produktivsten Arbeit der Frau, zur vollen Erfassung und Bewältigung des Berufes der Mutter zu erziehen. Mitgerissen von der Tatkraft etlicher neuer Zionistinnen, die der Bewegung mit einiger Naivität und Unbeschwertheit durch gedankliche Tradition beigetreten sind, legen die in London vereinigten Frauen alsbald den Grundstein zu einer Weltorganisation zionistischer Frauen. In dem Programm, auf das man sich einigt, legt man — deutlich erkennbar — seine Anschauung über die wichtigsten Aufgaben der Frau in einem jungen Koloniallande nieder. Alle Punkte dieses Programmes haben die Verbesserung und Erleichterung der Haushaltsführung, die Erziehung der Frau für ihre Pflichten als Gattin und Mutter zum Ziele. Aber zugleich ist es ein Programm, aus dem hervorgeht, daß diese Frauengruppe sich als Glied des Ganzen fühlt, ihre Sonderaufgaben in den gesamten Aufbauplan einfügt. Durch die Begrenzung dieses Programmes auf gewisse elementarste Frauenaufgaben ergibt sich von selbst eine Abgrenzung des Arbeitskreises der neuen Organisation gegen den der bereits in Palästina wirkenden „Hadassah" und damit auch die Aussicht auf ein ersprießliches Zusammenwirken der beiden Frauenorganisationen. Mit einer bisher in der zionistischen Frauenarbeit ungewohnten Energie tritt die junge Organisation in die zionistische Bewegung ein. Kaum entstanden, wagt sie es sofort, der Exekutive eine ihrer im Augenblick wichtigsten organisatorischen Arbeiten abzunehmen: indem sie sich die Einrichtung des Juwelenfonds im Keren Hajessod übertragen läßt, übernimmt sie die Pflicht, die Frauen zum Spenden, zum Opfern für die große Sache zu erziehen. Durch die Übernahme des großen Werkes erringt sie aber auch sofort die Chance eines erheblichen Einflusses auf das gesamte Werk des Aufbaues. Aber zwei Jahrzehnte zionistischer Entwicklung sind an den Frauen — wenigstens in einigen Ländern — nicht unbemerkt vorbeigegangen, sondern haben sie gelehrt, unter zionistischer

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