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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 8-9 · p. 535

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Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 8-9
Article
Die Frau in der zionistischen Bewegung
Date
1920-01-01
Page
535 (sequence 3)
Language
German
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Umschau: Frauenfragen 535 Mädchengruppen, die ihr Entstehen der Sehnsucht nach feinstem gegenseitigem Verständnis verdanken. Als natürliche Folge dieser zarten innerlichen Einstellung bleiben diese Mädchengruppen meistens klein, einzeln, abseits. Auch in Palästina selbst bilden sich Organisationen von Frauen, diese aber tragen fast durchweg den Charakter reiner Berufs- und Zweckverbände, mitunter mit irgendeinem politischen Ziele; sie verfolgen ihre Sonderinteressen, ohne sich unter eine für die Entwicklung des Zionismus wesentliche Idee zu stellen. g Von Zeit zu Zeit erkennen Frauen die passive Rolle, welche die Frau in der zionistischen Bewegung spielt Sie erkennen die Notwendigkeit, Frauen zu erhöhter Tatkraft zu führen, und die weitere Notwendigkeit, als Frauen am palästinensischen Kolonisationswerk mitzuschaf f en. Tatkräftige Frauennaturen, die sich gern auswirken möchten, suchen ihre Kraft zu verstärken, indem sie — die infolge der früher erwähnten Hemmungen eine führende Rolle in der Gesamtorganisation nicht errangen — Anschluß an andere Frauen suchen. Die Auffassung von den Aufgaben der so entstehenden besonderen Frauenorganisationen sind noch schwankend. Der erste von Zionistinnen gegründete große Verband — der Verband jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina — stellt sich lediglich praktische palästinensische Aufgaben, und zwar „die Förderung des materiellen, moralischen und intellektuellen Wohles der Frauen und Mädchen in Palästina". Hier finden wir Frauenarbeit noch aufgefaßt als eine ausschließlich auf andere Frauen bezügliche Arbeit. Hier finden wir Palästina-Arbeit auch noch verstanden als einen Beitrag zu philanthropischen Frauenbestrebungen. Über die Aufgaben der Frau gegenüber der palästinensischen Gemeinschaft sucht man sich noch nicht Rechenschaft 2u geben, betrachtet ihr Wirken noch nicht unter einem leitenden nationalen oder sozialen Gedanken. Infolgedessen trägt die Arbeit des Verbandes — der auch Nichtzionistinnen als Mitglieder aufnimmt und irgendeine Erziehungsarbeit an diesen Mitgliedern vollständig unterläßt — anfangs den Charakter einer etwas zufälligen Wohltätigkeitsarbeit. Ein Zufall ist es — und vielleicht nicht einmal ein ganz glücklicher — daß man mit der Einführung einer Spitzenindustrie für Frauen und Mädchen beginnt, und nur dadurch, daß die Spitzenschulen in Frau Sarah Thon eine von nationaler Glut und volkswirtschaftlichem Verständnis erfüllte Leiterin erhalten, werden sie ein wenig mehr als Wohltätigkeitsanstalten, werden sie wirkliche Frauenschulen. Erst durch die Schaffung einer Mädchenfarm beweisen die Leiterinnen des Verbandes, daß sie zum Verständnis der brennendsten Frauenfragen des Landes zu erwachen beginnen. Aber ehe man Zeit gehabt hat, aus diesem glücklichen Anfang ein System der Frauenarbeit zu entwickeln, bricht der Krieg aus und die Tätigkeit des Verbandes setzt aus. Ein zweiter großer Frauenkreis bildet sich im Jahre vor dem Kriege in Amerika. Hier ist das primäre Motiv der Gründung nicht so sehr die unmittelbare Arbeit in Palästina, als vielmehr der Wunsch nach Heranziehung und Durchbildung von Frauen für den Zionismus. Erst im Kriege, als in Palästina die Not groß wird, stellt die amerikanische „Hadassah" sich eine bestimmte Aufgabe in Palästina: es ist eine aus typisch amerikanischer Psychologie geborene Aufgabe. In Amerika betrachtet bekanntlich die Frau die soziale Arbeit als ihre eigentliche Domäne. Viel sozialer gerichtet als der hauptsächlich um sich und seiner Familie willen arbeitende Mann, nimmt die Amerikanerin die Pflege ganzer Zweige des öffentlichen, sozialen Lebens auf sich — Frauenvereine schaffen Schulreformen, Frauenvereine lassen Malariasümpfe austrocknen, Frauenvereine bekämpfen Kurpfuscherei und Wucher. So übernimmt die „Hadassah" auch in Palästina einen ganzen Zweig der sozialen Arbeit: mit ihren Expeditionen von Ärzten und Krankenschwestern, ihren Schiffsladungen von Medikamenten, Verbandstoffen, Apparaten monopolisiert sie das ganze Gebiet der Volkshygiene. An Ort und Stelle ergibt sich ihren Abgesandten als weiteres Arbeitsgebiet das der Waisenpflege. Man müßte während des ganzen Krieges in Palästina gewesen sein und im engen Kontakt mit den Abgesandten der „Hadassah" gestanden haben, um sagen zu können, ob diese Aufgabe nach Art einer philanthropischen Arbeit gelöst wird oder ob sie dem Programm der „Hadassah" wirklich als eine nationale und Erziehungsaufgabe und in der Einsicht eingefügt wurde, daß die Erziehung der Jugend die eigentliche Aufgabe der Frau ist.' Abgesehen von diesen beiden Frauenorganisationen, von denen aber die erste seit mehreren Jahren zur Tatenlosigkeit verurteilt ist, entstehen keine Frauengruppen von irgendwelcher Stoßkraft, . Die Frauen der älteren Generation begnügen sich resigniert mit ihrer Kleinarbeit in Ortsgruppen und Verbänden und wundern sich nur gelegentlich, daß noch immer keine Frau im Aktionskomitee sitzt. Die jüngeren, durch die Jugendbewegung hindurchgegangenen Elemente freuen sich ihrer — ihnen noch etwas neuen — Gleichberechtigung mit den Männern, arbeiten gemeinsam mit ihnen und gefallen sich geraume Zeit in einer Verleugnung besonderer weiblicher Aufgaben, in einer Ge- 35*

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