Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Die Frau in der zionistischen Bewegung
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 537 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Religiöses Leben 537 Arbeit in der Diaspora noch etwas ganz andre als die Sammlung finanzieller Mittel zu verstehen. Die neue Organisation erkennt, daß von der gleichen Wichtigkeit wie die im Programm vorgesehenen Aufgaben in Palästina auch die Erziehung ihrer Mitglieder in der Diaspora ist. Sie versteht, daß das einmalige materielle Opfer der für Palästina spendenden Frauen erst dadurch einen tieferen innerlichen Wert erhält, daß es zum Symbol ihres Willens wird, sich an ihr Volk anzuschließen und ihm in steter Arbeit zu dienen. Und so beschließen die Schöpferinnen der neuen Frauenorganisation sofort, diesem Willen die Möglichkeit zu einer Umsetzung in Taten zu gehen. Indem sie darangehen, den Frauen die besondre Aufgabe der Beeinflussung und Erziehung junger Mädchen für produktive Frauenberufe zuzuweisen, schlagen sie eine Brücke zwischen Ost- und Westjüdinnen, zwischen einer älteren und einer jüngeren Frauengeneration. Sie hoffen auf diese Weise allmählich die tiefe Kluft, welche die ältere und die jüngere Generation voneinander trennt, ausfüllen zu können, denn wenn sie auch das zeitweilige Sichabseitsstellen der Jugend als eine notwendige Reaktion auf die Erkaltung und Versteinerung der Elterngeneration anerkennen, so glauben sie doch nicht an die Notwendigkeit eines ewigen Fortbestehens der scharfen Trennung der Älteren von den Jüngeren, so glauben sie vielmehr an die Möglichkeit, die Älteren mit jungem Leben zu erfüllen, das sie zu einer Zusammenarbeit mit den Jungen befähigt. Mit diesem Programm: auf der einen Seite Erziehung der Frauen in Palästina für das Haus und die Familie als Zelle des Volkskörpers, auf der andern Seite Erziehung der Frauen in der Diaspora zur Erkenntnis ihrer sozialen Pflichten, ist die junge Organisation auf den Plan getreten. In einigen Ländern wird mehr die eine, in einigen mehr die andre Seite des Programmes Werbekraft haben. Aber erst durch die Verbindung der beiden Seiten wird man erreichen, was uns so bitter not tut: ein neues, starkes und tatkräftiges Frauengeschlecht. Wenn die kraftvollen Frauen mit der Bereitschaft, Verantwortlichkeit zu tragen, sich nur erst melden, dann wird es sich auch aeigen, daß bei uns nicht nur auf dem Papier, sondern in Wirklichkeit die Gleichberechtigung der Geschlechter besteht, um die bei andren Völkern die Frau seit einem Jahrhundert kämpft Dann wird es' auch im Aktionskomitee die oft darin vermißten Frauen geben. Aber das ist nur als ein Symptom und nicht etwa als das Ziel gemeint Helene Hanna Cohn Religiöses Leben Wer ist berufen, der Träger neuen religiösen Lebens zu sein? Gibt es einen Weg dazu? Und ist nicht letzten Endes religiöses Erleben ein individuelles Ereignis, das zwar von seinem Subjekt aus in die Menschengemeinschaft hinauswirkt, an sich aber mit nationalen Bindungen nichts zu tun hat? Martin Bub er, dessen Wirken es vor allem zu danken ist, daß innerhalb des modernen Zionismus der wesenhafte Charakter des jüdischen Problems erkannt wurde, hat auf diese Fragen in einer kürzlich erschienenen Schrift die Antwort zu geben versucht*). Da Religion nicht eine fest umschreibbare Summe von Dogmen und Normen ist, sondern die stets sich erneuernde Antwort des Menschengeistes auf die Berührung des Absoluten, so ist jeder Mensch bestimmt, aus der zusammengerafften, auf das Höchste gespannten Fülle seines Ich durch alle Schauer der Wirklichkeit hindurch diese Antwort zu finden. Die meisten Menschen aber, zumal in unserm Zeitalter, leben an dieser Bestimmung vorbei, weichen aus und ergeben sich ganz und gar dem Mechanismus der alles unterwerfenden Zweckwelt, beherrscht nur von dem alles seines Ur-Sinnes entkleidenden und in ein Begriffssystem einreihenden Verstände. Aber „jeden Menschen rührt einmal, noch so kurz, noch so dämmerhaft, das Wirken des Absoluten an; die Zeit des Lebens, in der dies an allen geschieht, nennen wir die Jugend". Die Jugend ist die Zeit der Alloffenheit; es geht darum, die in ihr latente Religion zu erwecken, die Bereitschaft, „der Berührung der Abslouten standzuhalten". Darum richtet sich Bubers Schrift an die Jugend, denn dort können seine Worte am ehesten fruchtbaren Boden finden. Religiöses Leben kann nicht künstlich erzeugt werden; aber die Einsicht in die innere Notwendigkeit einer Erneuerung der Welt durch die Erneuerung der Seelen, die Sehnsucht nach Erlösung, kann nur aus einer Grundstimmung erwachsen, die die Unerträglichkeit und Unmenschlichkeit der entgeisteten Gegenwart zutiefst empfindet Eine solche Erleuchtung kann der heutigen Generation noch immer z. B. Gustav Landauers „Aufruf zum Sozialismus" bringen. Die Abkehr, die er fordert, der Glaube, den er verkündet, sind durchaus religiöse Elemente. Auf diese Zusammenhänge zwischen Religion und Sozialismus wird noch einzugehen sein. Auch Bubers Schrift kann zunächst nichts anderes als die Notwendigkeit eines neuen Er- *) Cheruth. Eine Rede über Jugend und Religion. R. Löwit Verlag, Wien u. Berlin.