Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Kolonisation
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 531 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101163-3101171-3105919--4449-3106042- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Umschau: Kolonisation 531 dieser Besteuerung einsehen und sie später selbst bei sich einführen werden. Auf diesen Vorschlag näher einzugehen, erübrigt sich. Es genügt, nur auf eines hinzuweisen. Wird die Single Tax durchgeführt, dann muß nach der Theorie der Single-Taxler die Industrie und die anderweitige, nicht agrarische Produktion steuerfrei bleiben. Werden nur jüdische Ländereien nach dem System der Single- Taxler besteuert, so müsste doch dementsprechend auch die jüdische Industrie steuerfrei bleiben. Es genügt, sich die ganz absurde, unmögliche Lage, die sich daraus ergeben würde, zu vergegenwärtigen, um die Sinnlosigkeit dieses Vorschlages zu begreifen. So sieht also die „Theorie" aus, deren Geist die zionistische Kolonisationsliteratur in englischer Sprache beseelt. Von den uns vorliegenden Werken beschäftigt sich die Broschüre Land Tenure in the Jewish Commonwealth von Louis F. Post, eigentlich nur mit der Begründung der Single-Tax-Theorien und Single-Tax- Bewegung. Nur in wenigen Worten wird die Notwendigkeit von deren Durchführung in Palästina behandelt, wobei der Verfasser sich bei der Behandlung Palästinas nur in sehr allgemeinen Phrasen bewegt und der Eigenheit der palästinensischen Verhältnisse gar keine Rechnung trägt. Bedeutender in jeder Hinsicht ist das Buch von Bernard Rosenblatt: Social Zionism. Es ist eigentlich kein einheitliches Werk, sondern eine Sammlung von Aufsätzen, die Beiträge zur Theorie des sozialen Zionismus sein sollen, in Wirklichkeit aber nur theoretische Grundlage der Zion-Commonwealth-Bewegung geben, wenn das Wort „Theorie" hier überhaupt noch angewendet werden kann. Das Buch wie auch die, in demselben dargelegten Pläne, die in der Organisation der amerikanischen Achusa Commonwealth tatsächlich Verkörperung gefunden haben, ist infolge nicht eingestandener Einsicht entstanden, daß mit dem rein negativen Prinzip der Single-Tax-Besteuerung keine positive Kolonisationsarbett geleistet werden kann. Vor allem läßt sich mit ihr kein Boden erwerben. Boden aber ist die Grundlage jeder Kolonisation. Die zionistischen Single-Taxler haben aber den Glauben nicht, daß man auf dem Spendenwege die zur Erlösung des Palästina-Bodens nötigen Summen wird aufbringen können. „Praktisch sein" ist die Losung dieser Single-Tax-Zionisten, wie sie auch ihre Aufgabe darin sehen, die beste Synthese des Idealismus und des praktischen Sinnes in der Art der Kolonisation Palästinas zu finden. Sie wollen den Boden auf geschäftlicher Grundlage mit Hilfe privater Kapitalien aufkaufen. Diese privaten Kapitalien werden von den Mitgliedern der Siedlungs - Organisation Achusa Zion Commonwealth aufgebracht, indem jedes Mitglied mindestens ein Landzertifikat von 250 £ erwirbt. Mit den Geldern soll Boden in Palästina erworben werden und für jeden Teilnehmer so weit vorbereitet werden, daß er ein der Zahl einer Zertifikate entsprechendes Areal in Palästina in bewirtschaftungsfähigem Zustande nach einer gewissen Vorbereitungsperiode soll übernehmen können. Will er nicht selbst nach Palästina übersiedeln, so kann er entweder seinen Boden weiter durch die Vermittlung der Gesellschaft verwalten, ihn an diese selbst verpachten oder auch den Boden an sie veräußern und sich statt dessen von ihr Aktien geben lassen, die mit 5% fest verzinst werden. Die Gesellschaft wird aber ihre Böden, sowohl diejenigen, die sich im Vorbereitungszustande befinden, wie auch die schon vorbereiteten und bepflanzten Böden durch eine jüdische Industriearmee bewirtschaften. An der Spitze der in Amerika wohnenden Mitglieder der Zion Commonwealth steht ein Direktorium, an der Spitze der in Palästina angesiedelten Mitglieder steht ein Board of Shoftim (Richterkollegium). Das Direktorium ist aber die höhere und entscheidende Instanz. Das herrschende Prinzip ist Demokratismus, in der Arbeiterarmee Disziplin und ein eigenartiger Arbeitsmilitarismus. Dies sind die realen Pläne, wie sie in diesem Buche niedergelegt sind und wie sie inzwischen der Zion Commonwealth Achusa-Organisation zugrunde gelegt wurden. Nebenbei sei bemerkt, daß das Buch, soweit es an den jüdischen Gerechtigkeitssinn appelliert, die soziale Gemeinschaft fordert und an den gegenwärtigen Zuständen der kapitalistischen Gesellschaft Kritik übt, manch schöne Stelle aufweist. Das Ausschlaggebende für die Beurteilung des Buches können aber nicht dessen allgemein gehaltenen Teile sein, sondern die Pläne, die es enthält und als Kolonisationsmittel vorschlägt. Diese Pläne sind aber einfach trostlos, besonders wenn man bedenkt, daß sie von Gegnern der Aneignung der Grundrente durch einzelne kommen. Was bedeuten diese Pläne für die Kolonisation Palästinas? Daß der Nationalfonds geschädigt wird durch die wiederholte Betonung der Schriftsteller der Zion Commonwealth, er werde nicht imstande sein, die nötigen Mittel zur Erlösung des Bodens aufzubringen, und in den Massen jeder Glaube an die eigene große Opferfreudigkeit getötet wird, ist eine Nebenwirkung, auf die hier nicht näher eingegangen werdensoll. Für Palästina bedeuten diese Pläne aber folgendes: Erstens wird der Boden Palästinas mit einer jährlichen Abgabe von mindestens 5% an die außerhalb von Palästina wohnenden Grundbesitzer belastet. Der