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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 8-9 · p. 530

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 8-9
Article
Kolonisation
Date
1920-01-01
Page
530 (sequence 4)
Language
German
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530 Umschau: Kolonisation Einzelnen, sondern von der Gesellschaft als solcher getragen. Tritt man aber, wie die Single Tax, in einen scharfen Gegensatz zu dem Kommunismus oder zu irgendeiner anderen Form der Vergesellschaftung aller Produktionszweige, so ist es unverantwortlich, die Spekulation nur auf dem Gebiete des Bodens unterdrücken zu wollen, sie aber auf allen anderen Gebieten ungeschoren zu lassen. Nicht die Spekulation an sich ist gemeingefährlich, sondern die Formen, die sie in der jetzigen Gesellschaft unter der gegenwärtigen Gesetzgebung annehmen kann und tatsächlich annimmt*). Die Folge der Abtötung der Spekulation durch die radikal durchgeführten Mittel der Single-Taxler in der Stadt würde in erster Linie ein vollständiges Stocken der Bautätigkeit bedeuten. Denn baut irgendeiner ein Haus, dessen Ertrag nach 10 Jahren sich verdoppelt, so wird ihm dieser Ertragszuwachs völlig weggesteuert. Inzwischen aber ist eine Geldentwertung vor sich gegangen, so daß das Einkommen des Hausbesitzers nicht mehr denselben Wert hat wie vor 10 Jahren. Durch die Einführung der Single Tax würde er sich in einem größeren Nachteil gegenüber demjenigen befinden, der sein Geld in Industrieaktien investiert hat und durch deren leichtere Beweglichkeit sein Einkommen der Geldentwertung anpassen konnte. Auf dem Lande ist die Durchführung der Single Tax ein Ding der Unmöglichkeit, schon deswegen, weil der Unterschied, den sie zwischen Landmeliorationen und unverbessertem Lande macht, in der Wirklichkeit sich kaum genau durchführen läßt. Gerade in der Landwirtschaft haben die Meliorationen die Eigenschaft, sich mit dem Boden so zu verbinden, daß sie ein Bestandteil seiner werden. Der Versuch der Durchführung der Single Tax in der Landwirtschaft würde die allerschärfsten Kämpfe bei der Taxierung hervorrufen. Wer sich darüber klar ist, wie ungenau und zufällig die Kataster-Taxierungen in der Landwirtschaft sind, die zum Zwecke von Steuererhebung vorgenommen werden, der wird auch die Unmöglichkeit der radikalen Durchführung der Single-Tax-Besteuerung jauf dem Lande einsehen. Aber nimmt man auch die Möglichkeit der Durchführung an, so bringt die Durchführung der Single-Tax-Forderung keine Lösung der brennendsten Frage der Gegenwart, der Arbeiterfrage. Der Großgrundbesitz wird vielleicht grö- *) Näheres darüber in der Auseinandersetzung Eberstadts mit Voigt in dem Werke Eberstadts: Die Spekulation im neuzeitlichen Städtebau. Jena 1900. Verlag G. Fischer. ßere Lasten zu ertragen haben, seine Existenz ist aber durch die Single Tax nicht gefährdet, und in der Landwirtschaft kann alles beim alten bleiben, wie auch die Abwanderung vom Lande ihren Fortgang nehmen kann. Ebenso ist die Durchführung der Single Tax unfähig, die Lebensfrage jeder Landwirtschaft, die Anpassung des Areals an die Fortschritte und Möglichkeiten der Technik, zu lösen. Die Frage der Überschuldung, der Parzellierung wie vieles andere bleibt von ihr unberührt. Sehen wir uns nun näher die Folgen der Durch- ' führung der Single-Tax-Idee in einem erst zu kolonisierenden Gebiete an, wo das Land sich aber schon im Besitze einer gewissen, wenn auch beschränkten Schicht von Leuten befindet. Die Durchführung der Single Tax hat zur Voraussetzung eine einmalige Schätzung aller Ländereien. Die festgestellten Preise werden dann als Grundpreise angenommen und die Differenz zwischen diesem und dem Verkaufspreise muß dann beim Verkauf weggesteuert werden. Die Folge würde ein Zurückgehen des Angebots und eine Zurückhaltung der Verkäufer sein. Die Single Tax bedeutet aber auch sonst eine Hemmung der Agrarwirtschaft. Eine Anzahl Länder mit ungünstigeren Bedingungen in bezug auf manchen Wirtschaftszweig können gegen Länder mit günstigeren Bedingungen der Produktion so lange nicht aufkommen, solange die Preise auf dem Weltmarkt niedrig bleiben. Erhöhen sich die Preise aus Gründen der Erhöhung des Weltbedarfs oder der Steigerung der Produktionskosten auch in begünstigten Ländern, dann ergibt sich auch für die weniger begünstigten Länder eine Konkurrenzmöglichkeit. Dies würde aber in dem Preise der betreffenden Grundstücke zum Ausdruck kommen. Deren Besteuerung bedeutet eine Belastung des Produktionszweiges und seine Konkurrenzunfähigkeit. Für Palästina sind diese Betrachtungen besonders ausschlaggebend, weil eine ganze Reihe von landwirtschaftlichen Produktionszweigen hier nur in intensiver Weise, gleichbedeutend mit erhöhten Kosten, betrieben werden können, so u. a. die Getreideproduktion. Die Einsicht, daß die Durchführung der Single-Tax-Besteuerung eine recht hoch stehende agrarische Bevölkerung zur Voraussetzung hat, ist inzwischen auch unsern zionistischen Single- Taxlern aufgegangen. So haben sie in Anbetracht des jetzigen Kulturstandes der arabischen Landwirtsklasse durch Miß Fels auf der Londoner Konferenz den Vorschlag gemacht, die Durchführung der Single-Tax-Besteuerung nur auf jüdischen Ländereien vorzunehmen. Sie geben sich der Hoffnung hin, daß die Araber den Segen

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