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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 8-9 · p. 532

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 8-9
Article
Kolonisation
Date
1920-01-01
Page
532 (sequence 6)
Language
German
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532 Umschau: Kolonisation Boden hat einen Zins zu liefern, für den er keine Gegenleistung erhält, denn das Geld wird mindestens zu einem Drittel zum Erwerb des Bodens verwendet. Gerade nach den Theorien der Bodenreformler und Single-Taxler dürfte aber der Boden mit keinen Zinsen belastet werden, weil der Boden kein Kapitalgut ist, das Zinsen abwerfen kann. Wenn man bedenkt, daß auch Gegner der Bodennationalisierung für die Erbpacht sind, weil erst durch den niedrig anzusetzenden Erbpachtzins der landwirtschaftliche Betrieb ermöglicht wird und der, Siedler nicht unter der Last der Verzinsung der Kaufsumme zusammenbricht, so begreift man die Tragweite dieser Pläne. Der Absentismus wird durch die Achusa Commonwealth gefördert; die Besitzer können ihre Böden durch die Gesellschaft verwalten und die Früchte in Amerika genießen. Eine sonderbare Folge von Plänen einer Partei, die den Absentismus der Grundbesitzer, am schärfsten bekämpft. Es wird die Schaffung einer Arbeiterklasse vorgeschlagen, für die Rosenblatt den so schön klingenden Namen einer „industriellen Armee" gebraucht. Diese Armee der Arbeiter hat kein Stimmrecht in der Zion Commonwealth, obwohl jeder Arbeiter sich ein solches erwerben kann, wie Rosenblatt behauptet. Es wird nur eine kleine Forderung daran geknüpft. Der Arbeiter soll Mitglied der Achusa Commonwealth werden, d. h. mit anderen Worten, er soll 250 £ für das Landzertifikat plus 5 £ für die Aktie einzahlen. Daran die Gleichberechtigung der Arbeiter zu knüpfen, kommt dem wohlwollenden Vorschlage gleich, daß jeder Arbeiter sich doch genügend Geld absparen möge, um Selbstunternehmer zu werden. Angesichts der jetzigen Lage der Arbeiterfrage in Palästina klingt dies wie reiner Hohn. Aber auch von dem Prinzip der Demokratie abgesehen, ist jeder Kolonisationsplan, der mit der dauernden Existenz einer landwirtschaftlichen Arbeiterklasse rechnet, im voraus verfehlt. Landarbeiter als Übergang, Landarbeiterjahre als Lehrlingsjahre jedes Bauernsohnes und jedes Emigranten sind denkbar. Landarbeitertum als Dauerberuf schafft wieder dieselbe Frage, an der die Landwirtschaft der europäischen Länder zugrunde gehen muß, wenn keine befriedigende Lösung gefunden wird. Diese Tatsache wird bestätigt durch die neuesten Erfahrungen mit den Jemeniten in Palästina. Auch diese bedürfnislosen, an schwere Arbeit gewöhnten Menschen wollen nach einer gewissen Zeit nicht mehr Lohnarbeiter bleiben. Sie verlangen nach Boden, suchen ihren Bodenbesitz auszudehnen, wenn sie Häusler sind, um von Lohnarbeit vollständig unabhängig zu sein. Gelingt ihnen das nicht, so verlassen sie die Landwirtschaft. Diese Tatsache ist dem von der Zionist Commission in Palästina entworfenen Plan für Ansiedlung und Kolonisation für das Jahr 5680 entnommen. Bernard Rosenblatt aber hofft im Gegenteil, daß die Zion Commonwealth imstande sein werde, den allgemeinen Lohnstandard in Palästina so zu heben, daß jeder Arbeiter eine freie unabhängige Existenz wird führen können, ohne gezwungen zu sein, seine Arbeitskraft um jeden Preis zu verkaufen, um nur existieren zu können. Wie er sich das näher denkt, verrät er uns leider in seinem Buche nicht Sollten die Ländereien der Achusa Commonwealth so ergiebig sein, daß sie außer den 5 °/0 netto, die an die Grundbesitzer abzuführen sind, außer den mit einer bureaukratischen Verwaltung verbundenen hohen Kosten der Bewirtschaftung noch so große Erträge liefern sollen, daß es möglich wird, den Arbeitern besonders hohe Löhne zu zahlen, so ist auch in diesem Ausnahmefalle doch nicht denkbar, daß die Achusa Commonwealth eine unbeschränkte Aufnahmefähigkeit für Arbeitskräfte besitzen wird. Wird aber die Zahl der Arbeiter, die die Achusa Commonwealth aufnehmen kann, beschränkt sein, so ist nicht zu erwarten, daß der Arbeiterlohn der anderen wesentlich durch die höhen Löhne der Achusa Commonwealth beeinflußt werden, falls die allgemeinen Produktionsbedingungen in der palästinensischen Landwirtschaft nicht dazu zwingen werden. . Die Lohnhöhe richtet sich immer nach dem Lohn der am schlechtesten bezahlten Arbeiter*). Wir würden höchstens mit der Bildung einer neuen Arbeiter- Aristokratie in Paläsitna zu rechnen haben, der nur diejenigen angehören werden, die des Glückes teilhaftig sind, bei der Achusa Commonwealth beschäftigt zu sein. Rosenblatt und mit ihm die Achusa Commonwealth glauben ihrem Ideal der „Nationalisierung des Bodens" damit gedient zu haben, daß sie dem JNF. das Kaufrecht am Boden der Zion Commonwealth einräumen. Dieses Kauf recht hat aber einen Haken — nämlich den Kaufpreis. Dieser wird nicht, wie zu erwarten wäre, so angesetzt, daß er den ursprünglichen Kaufpreis zuzüglich der Investitionen beträgt, sondern er soll zur Zeit des Kaufes durch eine Schiedskommission festgestellt werden. Welche Prinzipien der Taxierung dieser Kommission zugrunde gelegt werden sollen, wird wohlweislich verschwiegen. *) Die bekannte Auseinandersetzung Franz Oppenheimers und Th. Brauers in dieser Frage. Siehe Th. Brauer: Bodenfrage und Arbeiterinteresse. Jena 1916. Verlag Gustav Fischer.

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