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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 8-9 · p. 529

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 8-9
Article
Kolonisation
Date
1920-01-01
Page
529 (sequence 3)
Language
German
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Umschau: Kolonisation 529 vor allem in Amerika, stehen große Teile der zionistischen Massen im Banne einer bestimmten Theorie, der des Single Tax. Die Führer und Schriftsteller des amerikanischen Zionismus streben die Durchführung der Palästina-Kolonisation im Geiste dieser Theorie an. Dementsprechend beschäftigen sich ihre Palästina-Pläne vorwiegend mit den Gesetzesformen der zukünftigen jüdischen Gemeinschaft, die ganz im Geiste ihrer Steuer-Theorien geregelt werden sollen. Es sei uns zunächst gestattet, einiges über die Theorien der Single-Taxbewegung zu sagen. Dies empfiehlt sich nicht nur, weil die einfache Formel der Single-Taxler als Grundformel mehrfach in den amerikanisch-zionistischen Erscheinungen zum Ausdruck kommt, sondern auch weil der Zionismus, und in erster Linie der soziale Zionismus sich mit den Single-Taxlern bei der Durchführung der Kolonisation Palästinas scharf auseinanderzusetzen haben wird. Die Single-Taxbewegung im Zionismus ist schon deswegen gefährlich, weil sie in ihrer Argumentation zunächst alle Einwände und Argumente des sozialen Zionismus gebraucht, weil ihr Ziel die Schaffung einer sozialen Gemeinschaft in Palästina proklamiert, in der Kritik des bisherigen Zustandes der Gesellschaft mit den sozialen Zionisten übereinstimmt und sich selbst als den „Social Zionism" erklärt, während das Mittel, das sie als das alleinige Allheilmittel empfiehlt, eine Halbheit ist, nämlich die Single Tax. Eine Halbheit in tfer schlimmsten Bedeutung dieses Wortes, da sie in keiner Hinsicht irgend eine Lösung der gesellschaftlichen Konflikte der Gegenwart zu bringen, geschweige denn die Grundlage einer Kolonisation zu bilden vermag. Single Tax ist eigentlich die radikalste Form der Wertzuwachssteuer, deren Väter die beiden Mills sind, die aber durch Henri George die Form erhalten hat, wie sie heute die Single-Taxler vertreten. Die Single-Taxbewegung ist der deutschen Bodenreform-Bewegung ähnlich, wenn sie sich auch von der letzteren durch Einseitigkeit und Unkompliziertheit unterscheidet. Ihre Stellung zum Boden als zu einem unvermehrbaren, eigenartigen Gut, das nicht unter denselben Gesetzen stehen kann wie sonstige Kapitalgüter, ist an sich durchaus zu bejahen. Ihr Verdienst, wiederholt hingewiesen und vertreten zu haben, daß der Boden die Grundlage jedes Gemeinschaftslebens und jeder Gemeinschaftsentwicklung ist, ist durchaus anzuerkennen. Der Glaube, daß der ganze Fortschritt der Gemeinschaft und die Bereicherung der Gesellschaft voll und ganz in den Bodenpreisen zum Ausdruck kommt, kann wenigstens mit weitgehenden Einschränkungen angenommen werden. Ihre Forderung, die soziale Grundrente vollständig der Gemeinschaft zuzuführen, soll, soweit ihre Durchführung der Gemeinschaft zuträglich ist, die Forderung des sozialen Zionismus bilden. Durchaus verkehrt und vernunftswidrig ist es aber, wenn die Single- Taxbewegung an die Möglichkeit glaubt, die ganze Gesellschaftsfrage, sowohl die Frage des Klassenkampfes als auch die der zukünftigen Struktur der menschlichen Gesellschaft durch das einfache Mittel der beinahe iooprozentigen Besteuerung des Wertzuwachses am Grund und Boden lösen zu können. Um die ganze Oberflächlichkeit dieses so bezaubernd einfachen Mittels zur Beglückung der Menschheit einzusehen, vergegenwärtigen wir uns, welche Folgen eine solche Besteuerung a) in einem Lande mit schon entwickelten oder halb entwickelten Verhältnissen haben würde, b) die Folgen, die die Anwendung dieser Theorien in einem erst zu kolonisierenden Lande haben muß. In unserem Falle bei der Kolonisation Palästinas. Im Falle a) würde diese Wertzuwachssteuer, wenn sie, wie es die Single-Taxler vorschlagen, als die alleinige Steuer durchgeführt werden soll, eine Ungerechtigkeit bedeuten. Sie ist eine Steuer,"die das Objekt und nicht das Subjekt ergreift, und weist alle Schattenseiten einer solchen Steuer auf. Sie trägt den persönlichen Verhältnissen der Einzelnen keine Rechnung und verleugnet hiermit eins der Hauptprinzipien, auf denen jede Steuer beruhen muß, nämlich das der Gerechtigkeit. Zweitens würde eine solche Steuer die Spekulation am Grund und Boden vollständig vernichten. Das Wort Spekulation ist von einem Odium umgeben, und doch ist es ein Vorurteil, sie in Bausch und Bogen zu verwerfen. Solange wir in einer Gesellschaft leben, die auf Unternehmertum beruht, ist Spekulation ebenso unentbehrlich wie individuelle Initiative, individuelle Energie und Arbeitslust. Sie vollständig vernichten zu wollen, würde dem Wunsche gleichen, das Feuer abzuschaffen, weil durch* Unvernunft Brände entstehen, das Wasserelement zu vernichten, weil unregulierte Flüsse über ihre Ufer zu treten pflegen. Spekulation ist die Kehrseite des Unternehmens, sie enthält in sich das Risiko und muß dementsprechend auch einen Gewinn umschließen, soweit sie die Entwicklung der Gesellschaft fördert. Allerdings darf der Gewinn nicht größer sein als die gerechte Bezahlung der Produktivität, die der geistigen Arbeit der Spekulanten innewohnt. Eine völlige Abtötung der Spekulation ist nicht einmal bei der sozialistischen Gesellschaft möglich, nur wird sie in der sozialistischen Gesellschaft nicht mehr von einem

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