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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 8-9 · p. 528

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 8-9
Article
Kolonisation
Date
1920-01-01
Page
528 (sequence 2)
Language
German
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5^8 Umschau: Kolonisation die vorherrschende Form. Er hat eine jahrhundertealte Tradition und es kann höchstens seine Intensivierung, nicht aber seine Existenzmöglichkeit den Gegenstand einer Diskussion bilden. Anders ist es in England, dem Lande der mächtigen Landlords, wo der Großgrundbesitz die vorherrschende, in manchen Gebieten die alleinige Form des Agrarbesitzes, wo aber der Kleinbetrieb verschiedenenorts völlig verschwunden ist. Der englische Pächter ist in seiner überwiegenden Mehrheit kein Kleinbauer, sondern eher Großbauer, der mit Hilfe von Lohnarbeitern die wohl arrondierte Farm bewirtschaftet. An dieser Gegenüberstellung der beiden Kolonisationsliteraturen, der englischen und deutschen, lernen wir die beiden schwierigen Probleme jeder Kolonisation kennen. Das erste ist dasjenige, welches in England im Vordergrunde steht. Der Betriebstypus der Kolonisation, seine Besitzgröße, seine .Wirtschaftszweige, deren innere- Ausgeglichenheit und Gleichgewicht, die Rentabilität der einzelnen Zweige und die Rentabilität des ganzen Betriebes an sich vom privatwirtschaftlichen wie auch vom allgemeinen volkswirtschaftlichen Standpunkte, alle* diese Fragen bilden einen Komplex, der nur in gemeinsamer Arbeit der Agrar-Wissenschaftler und praktischen Landwirte seine Lösung finden kann. Das zweite, mehr in der deutschen Literatur berücksichtigte Problem ist das der Eigentums- und Besitzformen, deren sich die Kolonisation bedient. Hier liegt gewöhnlich die Gefahr, daß man die Erwerbsformen mit Besitzformen verwechselt, was der deutschen Rentengutsgesetzgebung passiert ist. Bei diesem Problem sprechen sowohl politische wie wirtschaftliche Gesichtspunkte mit. Es sei aber zugegeben, daß, wie wichtig auch dies Problem vom nationalen Standpunkte ist, das Problem der Rentabilität und der Lebensfähigkeit des einzelnen Betriebes das primäre und nur zu einem gewissen Teile von dem zweiten Problem abhängig ist. Für die Lage unserer Kolonisation ist es bezeichnend, daß beide Probleme in Palästina noch ihrer Lösung harren. Es steht noch nicht fest, welche Eigentums- und Besitzformen am Boden in Palästina die vorherrschenden sein werden. Die Beschlüsse der letzten Londoner Konferenz haben keine Klarheit darüber gebracht. Ebenso tasten wir noch im Ungewissen in bezug auf die geeignetste Wirtschafts- und Betriebsform in Palästina. Unsere bisherige Kolonisation ist formlos vor sich gegangen, die vorgenommenen Versuche operierten immer mit mehreren Unbekannten zu gleicher Zeit (unbekannter Boden, unbekannte Produktionsformen, unbekannte Arbeitskräfte, im Lande noch unbekannte Wirtschaftszweige usw.), so daß wir nichts Bestimmtes über die für Palästina geeignetste Form des Betriebes jetzt schon aussagen können. Dem großen nationalen Wert der bisherigen Kolonisation, der wir die Siege des Zionismus und die Anerkennung der Rechte des jüdischen Volkes an Palästina durch den Völkerbund verdanken, soll durch diese Feststellung kein Abbruch geschehen. Es steht aber zunächst fest, daß diejenigen Betriebe in Palästina, deren Rentabilität bis jetzt die günstigste war, so die Apfelsinen- und Weingärten, auf nichtjüdischer Arbeit beruhen und dementsprechend ihre Vermehrung den Zielen unserer Kolonisation entgegenwirken würde. Während die anderen Wirtschaftstypen, sowohl die in Palästina eingeführten wie die von der zionistischen Kolonisationsliteratur vorgeschlagenen entweder keine Grundlage für Kolonisation von breiten Massen bilden oder sich erst in Palästina bewähren müssen. Vergleichen wir die in englischer Sprache erscheinende zionistische Kolonisationsliteratur*) mit den in deutscher Sprache erschienenen Kolonisationswerken**), so wird uns folgendes auffallen. Die zionistische Kolonisationsliteratur in deutscher Sprache beschäftigt sich vorwiegend mit den Wirtschaftsgrundlagen der Palästina- Kolonisation, während die englische sich mehr der zukünftigen Steuergesetzgebung Palästinas zuwendet und, soweit sie praktische Wirtschaftspläne in Vorschlag bringt, diese, ausgehend von bestimmten allgemeinen Prinzipien, auszubauen sucht. Die Erklärung dafür ist nicht schwer zu finden. Die deutschen Zionisten wie auch die* ihnen nahe stehenden Zionisten der östlichen Länder haben hinter sich eine Periode der unmittelbaren praktischen Arbeit in Palästina. Sie haben Erfahrungen gesammelt, und die brennende Frage für sie ist: wie schafft man in Palästina den Wirtschaftstypus, der sowohl rentabel ist als auch den nationalen Zielen der Kolonisation entspricht? In den englisch sprechenden Ländern dagegen, *) Diese Literatur ist ausschließlich in Amerika erschienen und besteht zum großen Teile aus kleinen, mehr aufs Propagandistische zugeschnittenen Broschüren. Hier sollen die zwei bedeutendsten Erscheinungen besprochen werden: i. Land Tenure in the Jewish Commonwealth by Loni F. Post, New-York City, 1919. 2. Social Zionism, Selected Essays by Bernard Rosenblatt, New-York 1919. 3. Die Zion Commonwealth im zionistischen Programm, von Schetnkin, New York (jiddisch). **) Die bedeutendsten Erscheinungen der zionistischen Kolonisationsliteratur sind von uns in dieser Umschau (Heft 3) besprochen worden.

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