Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Emigration
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 525 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Emigration 525 keiten, mit denen die Auswanderer zu kämpfen haben, ehe sie in den Besitz der nötigen Papiere gelangen können. Ab. Epstein, der Delegierte des People's Relief Comitee, aus Polen nach Amerika zurückgekehrt, teilt in einer jüdischamerikanischen Zeitung interessante Einzelheiten yon der Art der gegenwärtigen jüdischen Auswanderung mit. Er erzählt uns von herzzerreißenden Szenen, die er vor dem amerikanischen Konsulat in Warschau sich abspielen sah, wo Tausende von Menschen häufig mehrere Tage lang warten müssen, da das Konsulat nicht mehr als 200 Visa im Tag zu erledigen vermag. Die polnischen Behörden tun ihr mögliches, um den Emigranten die Erlangung der zahlreichen zur Abreise nötigen Papiere zu erschweren. Nach Überwindung aller Arten von Schwierigkeiten langt der glückliche Auswanderer endlich in Danzig an (dies ist der augenblicklich häufigste Reiseweg der jüdischen Emigration aus Polen). Und auch hier ist seine Lage keineswegs günstig. Die jüdische Presse hat vor kurzem über den sehr schlimmen Zustand der Dinge im Auswanderungslager in Dan2ig berichtet, über seine weniger als ungenügenden sanitären Bedingungen, über die hohen Unterhaltspreise, welche die Auswanderer zu zahlen gezwungen sind, über die Mangelhaftigkeit der Organisation, die sich z. B. darin zeigt, daß die Auswanderer wochenlang auf ihre Abreise nach Amerika warten müssen. Die Schiffskarten, welche die Auswanderer von ihren Verwandten in Amerika erhalten — der Besitz einer solchen ist eine der unerläßlichen Bedingungen zur Erlangung eines amerikanischen Visums — werden ihnen zu einer Quelle von Schikanen. Die Schiffsgesellschaften nutzen die Auswanderer in schändlicher Weise aus, indem sie jene, die bereits eine Fahrkarte besitzen, wochenlang warten. lassen. So kommt es, daß in Rotterdam, Ha vre, Paris, aber vor allem in Danzig Hunderte und Tausende ein elendes Leben während der Zeit des Wartens auf einen freien Platz führen. Allein in Danzig — so sagt man — warten gegenwärtig an 50000 Auswanderer auf ihre Einschiffung. Und bei dieser unorganisierten, unüberwachten Auswanderung entwickelt sich sehr leicht das für die Auswanderer gefährlichste Übel — die Agenten, diese Geißel der Emigration. V. Die Organisierung der jüdischen Emigration ist die brennendste Frage des Augenblicks. Sie ist nicht allein durch das Gebot der Menschlichkeit gegenüber den bedrängten Auswanderern bedingt, sondern auch durch das nationale Interesse der jüdischen Gesamtheit. Aber vielleicht niemals war die jüdische Gesamtheit weniger vorbereitet, der steigenden Flut der jüdischen Emigration standzuhalten als heute. Vor dem Kriege haben sich eine Reihe von Institutionen der Organisierung der jüdischen Emigration gewidmet. Vor allem ist die Ica zu nennen, die in ganz Rußland eine ausgedehnte Organisation für die Emigration hatte; so leisteten im Jahre 1913 mehr als 500 Zweigabteilungen ihrer Informationsbureaus dem jüdischen Auswanderertum gute Dienste. Dann der Hilfsverein der deutschen Juden und viele andere jüdische Gesellschaften, große und kleine, in Europa und in Amerika, die dem Auswanderer Rat und Hilfe spendeten. Alle diese Vereinigungen gaben riesige Summen, die auf mehrere Millionen Francs jährlich zu schätzen sind, im Hilfsdienst der Emigration aus. Und Zehntausende von Auswanderern hatten durch die Arbeit dieser Institutionen Hilfe erhalten. Der Krieg unterband jede Auswanderung und zugleich hörte die Tätigkeit dieser Organisationen, soweit sie sich auf die Emigration bezog, auf. Jetzt, wo die große Auswanderung wieder beginnt, und mehr denn je eine mächtige Tat der jüdischen Gesamtheit nötig wäre, um der Auswanderungsflut gewachsen zu sein und um einen furchtbaren nationalen Zusammenbruch zu verhindern, gerade in diesem Augenblick sind die Kräfte, die sich mit der Organisation der jüdischen Auswanderungsbewegung befassen, schwach, desorganisiert und vereinzelter als je. Von allen Emigrationsgesellschaften von vor dem Krieg sind nur einige kleine Vereinigungen tätig geblieben, während die großen — die Ica in erster Linie — nicht mehr am Werk sind. Von den Umständen und der verzweifelten Lage der Emigranten erzwungen, sind an den Durchgangsorten der jüdischen Auswanderung lokale Komitees entstanden, die sich bemühen, die Aufgabe zu bewältigen, welche aber meistens über ihre Kraft geht. Mehr oder weniger zufriedenstellend arbeitet die jüdisch-amerikanische Gesellschaft H.J.A.S. in Polen und vor allem in Danzig. Aber alle diese Bemühungen sind zusammenhangslos, vereinzelt, unzulänglich für die gewaltige Arbeit der Organisierung der Emigration von heute, und gewiß unfähig, die gigantische Arbeit von morgen zu leisten. Um dieser auch nur einigermaßen gewachsen zu sein, ist eine umfassende Organisation unerläßlich, eine Organisation, die nur durch eine mächtige Unternehmung des ganzen Volkes geschaffen werden kann. Ein allgemeiner jüdischer Kongreß für die Probleme der Emigration wird schon seit langem als das .beste Mittel zur Schaffung einer besonderen Organisation zur Regelung der jüdischen Auswanderungsbewegung erwogen. Aber alle Bemühungen, einen solchen Kongreß einzu-