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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 8-9 · p. 524

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 8-9
Article
Emigration
Date
1920-01-01
Page
524 (sequence 2)
Language
German
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524 Umschau: Emigration men, und zuweilen auch, wenn dies nicht der Fall war, einfach deshalb, weil sie, entwurzelt durch ihr Flüchtlingsleben, nur schwer den gewohnten Gang ihres früheren Lebens wieder aufnehmen konnten. Es entstand so allmählich eine neue seelische Verfassung, die des Entwurzelten, des ewigen Flüchtlings, die schließlich die Masse der Arbeitslosen und den klassischen Typus des auswandernden Juden, des Luftmenschen, vermehrte. Und für alle diese gibt es keine Möglichkeiten, das Leben erträglich zu gestalten, als die Heimat zu verlassen und anderswo ein gesichertes Leben und mageres Brot zu suchen. Während des Krieges bestätigte sich mehr als jemals die wahrhaft außerordentliche ökonomische Lage der Juden. Wenn der Krieg für die anderen ein furchtbares Unglück war, für die Juden war er die Vernichtung. Aber die Zeit nach dem Krieg wurde für sie noch schrecklicher als er selbst. Der wilde Antisemitismus, dessen rohe Exzesse wir in Polen sahen, machte die Lage der Juden aufs äußerste leidvoll; die Pogrome ohnegleichen selbst in der Geschichte des Märtyrervolkes, die Niedermetzelung der Juden zu Zehntausenden, und ebenso die Folgen der sozialen Umsturzes haben die fast völlige Vernichtung des ukrainischen Judentums herbeigeführt. Die soziale Revolution mit allen ihren Auswüchsen hat in dem größten Teil des alten russischen Kaiserreiches vor allem die jüdischen Massen getroffen, ihnen die alten Grundlagen ihrer Existenz vernichtend. Die zwei wichtigsten jüdischen Berufszweige, der Handel und das Handwerk, bestehen nicht mehr. Die völlige Isolierung des größten Teiles des ehemaligen Rußlands hat allen Außenhandel unmöglich gemacht und dadurch auch den Kleinhandel, der in Rußland hauptsächlich in den Händen der Juden lag. Der wesentliche Rückgang der Industrie hat den Austausch der landwirtschaftlichen Produkte gegen Fabrikate stillgelegt, ein Gebiet, auf dem die Juden in Rußland eine sehr bedeutende Rolle gespielt hatten. Und schließlich hat die strenge Regelung des Handels durch die Regierung und die Nationalisierung mehrerer seiner Zweige vollends jede Handelstätigkeit unterbrochen. So geschah es, daß die jüdischen Kaufleute, 38,65 Prozent der jüdischen Bevölkerung Rußlands, ihres Berufes beraubt dieZahl der verhungerten Luftmenschen vermehrten. Die Situation der jüdischen Gewerbetreibenden, der zweiten wichtigen Gruppe der jüdischen Bevölkerung Rußlands, wurde gleichfalls bis auf den Grund erschüttert. Der Mangel an Rohstoffen, der sehr eingeschränkte Markt, die allgemeine Tendenz zur Industrialisierung der Produktion und zu ihrer Regelung durch den Staat haben das jüdische Gewerbe völlig verändert. In den zwei von der sozialen Revolution in Rußland verschonten Produktionszweigen, in der Großindustrie und in der Landwirtschaft, hatten die Juden in Rußland eine völlig nebensächliche Rolle gespielt. Da sie nur eine verschwindend kleine Zahl von Fabrikarbeitern hatten und in der Landwirtschaft nur schwach vertreten waren, sind sie durch die Ungunst der Dinge Lumpenproletarier geworden, die nicht wissen, wovon sie ihr Leben fristen sollen, und die nur ein Ziel, ein Ideal haben: fliehenl So sind furchtbar große jüdische Massen entschlossen, mit der ersten Möglichkeit auszuwandern. III. Wir stehen vor einer riesigen Auswanderung, vor einem wahrhaften Massen-Auszug. Es steht außer Zweifel: sowie sich die Ostländer öffnen werden, werden sich Hunderttausende in Marsch setzen. Zur Stunde ist die Auswanderung bloß aus Polen möglich, und das nur mit Schwierigkeiten. Und allein aus diesem Lande ist eine sehr große Auswanderung zu erwarten. Nach Informationen aus polnischer offizieller Quelle beträgt die Zahl der zur Auswanderung vorgemerkten Juden mehr als 250000. Und überdies muß man in Betracht ziehen, wie viele zwar den Willen, aber nicht die Möglichkeit zur Auswanderung haben. Die starke Entwertung der polnischen Valuta und die hohen Kosten der Reise (der Preis der Fahrt von Danzig nach New York beträgt mindestens 10000 Mk.) machen die Auswanderung fast nur solchen möglich, die Verwandte in Amerika haben, von denen sie die Schiffskarte oder das nötige Reisegeld erhalten. Danach mag man bemessen, wie groß die Emigration aus Rußland und der Ukraina sein wird, sowie sie möglich wird. Sie wird eine Flucht verzweifelter Massen sein, die um jeden Preis fortstreben von den Stätten unerträglichen Leidens, einerlei wohin, einerlei zu welchen Bedingungen. Diese Auswanderung wird zweifellos die größte der jüdischen Geschichte werden, eine Emigration, vor der die der Jahre 1905 ff. verblassen wird, die die bisher bedeutendste war und deren Ursachen die gleichen waren wie heute: Flucht vor Pogromen. 1905 emigrierten aus Rußland mehr als 125000 Juden, 1906 fast 115 000. Heute muß man mit der Emigration von einigen Hunderttausenden rechnen, da ja schon jetzt, trotz aller Hindernisse, Zehntausende flüchtiger Juden unterwegs sind nach den Ländern jenseits des Meeres. IV. Wie vollzieht sich gegenwärtig die jüdische Emigration? Die jüdischen Zeitungen in Polen berichten von außerordentlichen Schwierig-

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