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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 8-9 · p. 522

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 8-9
Article
Sozialismus
Date
1920-01-01
Page
522 (sequence 8)
Language
German
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522 Umschau: Sozialismus und ein „unbesetztes Land": Erez Israel*). Und dazu eine Bewegung, beide zu vereinigen: den Zionismus. — Aber der Zionismus stand noch in seinem vorbereitenden politischen Stadium, er war keine kolonisatorische Volksbewegung. Er wird es erst jetzt, wird erst jetzt zu einer „Völkerwanderung'als geschichtliche Geschehnisse das Volk in Bewegung brachten. Landauers Idee fehlte das Substrat: die Bewegung. Die Idee ist die Kraft einer Bewegung, aber sie kann sie nicht verursachen. Sie gibt ihr lediglich Richtung. —Man muß sich, um dies einzusehn, der falsch-populären Definition der Kraft als Ursache der Bewegung entschlagen. Bewegung ist ein Geschehnis. Ursache eines Geschehnisses ist allemal immer wieder ein Geschehnis. Kausalität verknüpft lediglich die unendliche Kette der Geschehnisse**). Und so ist Bewegung ohne Idee blind, aber Idee ohne Bewegung stumm. (Man sehe danach Marxens eigentliche Leistung nicht in seiner Wissenschaft, sondern in seiner politischen Tat: der Fundierung einer Idee auf eine Bewegung. Die Idee war der Kommunismus, seine „vorgefaßte Utopie", die Bewegung war die Arbeiterbewegung. Kommunisten hatte es von jeher gegeben. Marx aber erkannte: hier gab es eine Klasse, die in ihren Kämpfen um ihre Emanzipation zum Träger der Idee gemacht werden konnte. Und er machte sie dazu. Er gab ihrem Klassenkampf Rich tung, so wurde die Idee eine Kraft. Der proletarische Klassenkampf: dies ist das Drum und Dran des Marxismus; er ist es, der (wenn auch in verschiedener Auffassung der Intensität) alle Richtungen, von der ersten bis zur vierten Internationale vereingt.) Der Aufruf Landauers verstummte, da es keine Ohren gab, die seine Stimme vernehmen konnten. Er wird jetzt gehört werden***). Die revolutionäre Kolonisation des Zionismus, an ihr kann Landauers Idee sich objektivieren. Es ist bereits ..gesagt worden, wie tief Buber ihre Wurzeln verfolgt. Landauer schwankte hierin. „So hoch steht mir der Sozialismus nicht, so hoch er mir steht, daß ich ihn ans Absolute anbinde", erwiderte er einmal f) einem religiösen Anhänger, der gemeint hatte, die Gesell- *) Man sollte doch aufhören, dieses Land noch weiterhin nach den Philistern zu benennen. **) Diese Erkenntnis hat Schopenhauer erkenntnistheoretisch gewonnen; sie wurde unabhängig von ihm in der Physik von Kirchhof und Mach eingeführt. ***) Der Welt-Verlag, Berlin, bereitet eine jiddische, die palästinensische Arbeiterschaft eine hebräische Übertragung vor. t) „Gott und der Sozialismus" in „Der Sozialist". schaft könne erst geändert werden, wenn die Menschen in einem Geist geeint wuren, der so etwas wäre, wie Wissen um Gott. Landauer jedoch: „Was ich Geist nenne, ist nie etwas anderes als Natur. Die Religion... Es ist ein Ziel gesteckt, der Welt, der Menschheit, dem einzelnen Menschen.... Von dieser Weltordnung oder moralischen Bedeutung des Weltgeschehens und Menschenlebens - weiß ich schlechterdings nichts . . . Sinnlichkeit zur Verbindung der Menschen. Vernunft und Zweckmäßigkeit zur Ordnung ihrer Verhältnisse." Und im Aufruf: „Unsere Periode enthält doch mancherlei Fortschritte. Wissenschaft, Technik, Bezwingung der Natur: Aufklärung." Trotzdem aber heißt es gegen das Ende des Aufrufes: „ Sozialismus*. Vielleicht ist dieser Aufruf der Anfang eines Weges, ein besseres Wort, ein tiefer heraufgeholtes, ein weiterhin weisendes zu finden." Dieses Wort verkündet Buber, als jenes, das Landauer verwarf: als Religion. Der Mensch hat die Aufgabe, durch die Allverbundenheit das göttliche Bild des Allseins aus sich heraus zu entfalten. Dies bewirkt er durch die Arbeit (die Gottesdienst ist) an der Erde (die Gottes Eigentum ist), hilfreich den Geschöpfen und insbesondere dem Menschen (wodurch er Gottes Statt vertritt), erfüllt vom Geiste (durch den er mit Gott verkehrt), mit anderen Menschen vereinigt zur Gemeinschaft (in der Gott verwirklicht werden soll), in die der Geist als Religion eingegangen ist. Diese Vereinigung zur Gemeinschaft kann sich nur vollziehen, wenn die Menschen einander unmittelbar gegenübertreten. Daher sind ihr Grenzen gesetzt: die rechtmäßige Form der Gemeinschaft als eines sozialen Gebildes ist die Gemeinde. Die Vielheit von Gemeinden, die in gleicher Weise durch unmittelbaren Zusammenschluß entsteht, ist das Gemeinwesen. Dem Gemeinwesen ist als natürliche Grenze das Volkstum gesetzt. Dies ist Bubers Sozialismus, untrennbar von seinem Nationalismus. In ihrer beider einem Kern findet er als Aufgabe des Judentums: die Wahrheit als Tat. Daher bedeutet die siedelnde Revolution, mit der sich das jüdische Volk als konstruktives Element in die beginnende Menschheitsrevolution einstellt, die Erfüllung einer Tradition der Aufgabe; aber eine wählende Erfüllung. Daß sie wählend und somit zugleich verwerfend ist, macht eben ihren revolutionären Charakter aus. Es gilt in dieser Tradition das zu wählen, was Erdnähe, verklärte Weltlichkeit, Einatmen des Göttlichen durch die Natur ist; es gilt in ihr zu verwerfen, was Erdferne, abgelöste Rationalität, Verbannung der Natur von Gottes Angesicht ist.

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