Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Sozialismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 521 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Sozialismus 521 zialistische Gehöfte, sozialistische Dörfer, sozialistische Gemeinden zu gründen. Die Mittel zum Erwerb des Bodens und die ersten Betriebsmittel stellt ihnen die Tauschbank, Gewerkschaften und Arbeiterbünde, die sich ihnen anschließen, zur Verfügung und solche Besitzende, die entweder ganz zu ihnen stoßen oder ihnen wenigstens Mittel geben. Hier arbeiten sie dann in einer Vereinigung von Industrie, Handwerk und Landwirtschaft, körperlicher und geistiger Tätigkeit, wie sie Kropotkln (in seinem Buche „Landwirtschaft, Industrie und Handwerk", das Landauer übersetzt hat) geschildert hat, nicht für das Unechte, den Profit und seinen Markt, sondern für das echte menschliche Bedürfnis: für ihr Bedürfnis. Vom kapitalistischen Markt schließen sie sich nach Möglichkeit ab, indem sie nur so viel exportieren, als sie noch von draußen hereinbekommen müssen. Diese Siedlungen sind Vorbilder. Zur Erreichung des Ziels ist überdies notwendig, daß das Privateigentum an Grund und Boden aufgehoben und allen Volksgenossen die Möglichkeit gegeben wird, in gleicher Weise ihr Leben gerecht und sinnvoll zu gestalten. Diese Gestaltungkann nicht geschehen durch „Institutionen". Vergebliches Bemühen ist es, an die Stelle des lebendigen Geistes automatisch funktionierende Einrichtungen setzen zu wollen. Die Gerechtigkeit wird immer von dem Geiste abhängen, der zwischen den Menschen waltet. Formen der Bewegung, nicht der Starrheit, müssen geschaffen werden, gleich dem mosaischen Bodengesetz der periodischen Bodenverteilung. Ist so der Bund der in Gerechtigkeit selbständig wirtschaftender und untereinander tauschender Gemeinden gegründet, die Grundform der sozialistischen Kultur, so ist damit dem kommenden Geist das Gewand vorbereitet (wie die Markgenossenschaften schon vor dem Geiste bestanden, der sie dann erfüllte und erst zu dem machte, was sie der „christlichen Zeit" bedeuteten). Geisterfüllte Kultur, dies soll der Sozialismus bringen. Er ist die Willenstendenz geeinter Menschen, um dieses Ideals willen ein Neues zu schaffen. Daher kann er nicht durch Revolution kommen und nicht durch Politik, sondern lediglich durch in Gemeinsamkeit aufbauende Arbeit. Diese Ideen entwickelt Landauer per negationem an einer scharfen Polemik gegen den Marxismus, was allerdings gegenwärtig und in Zukunft der Wirkung Abbruch tun dürfte. Denn es ist häufig ein Kampf gegen verlassene Positionen — und überhaupt kommt ein neues Geschlecht herauf, das unbefangen jegliches Wort aufnimmt und dem diese Polemik nur den Bück versperrt. Verbleibt: daß Sozialismus Idealismus ist, aufbauende Gemeinschaftstätigkeit und revolutionäre Initiative. Daß es nicht um das Los einer bestimmten Menschenschicht (des Proletariats) geht, sondern um die völlige Umgestaltung der Grundlagen der Gesellschaft. Daß Sozialismus die Formen des Kapitalismus und des Zwangsstaates nicht gebrauchen kann, sondern Anarchie und Föderation ist. Daß er bei jeder Technik möglich ist, wenn er auch je nach der verfügbaren .Technik, d. h. nach den Mitteln, die den Menschen zur Verfügung stehen, immer anders aussehen wird. Daß jedenfalls die Technik dse Sozialismus sich gründlich unterscheiden wird von der kapitalistischen Technik; sie werde sich nach der Psychologie der freien arbeitenden Menschen richten müssen, die selbst bestimmen werden, unter welchen Bedingungen sie arbeiten wollen. Daß Sozialismus nicht gleichgültig dagegen ist, wie die Produktion gestaltet werden soll, was produziert wird, was an den Konsumenten verschlissen wird. Daß es sich nicht um die Verkürzung der Arbeitszeit an sich handle (wofür der Kampf innerhalb des Kapitalismus berechtigt ist) zur Verlängerung des Genusses, sondern darum, daß die Arbeit selbst wieder eine Freude werde und daß das Produkt davon Zeugnis ablege. Daß schließlich die wahre Internationale nicht durch einen schematisierenden, rationalistischen Zentralismus hergestellt wird, sondern durch die Menschheit als Bund des Vielfältigen, der lebendigen Völker, jedes die aus natürlichem Zwang geborene Gemeinschaft. Revolutionäre Kolonisation Dieser Aufruf blieb ungehört. Einige Gruppen des „Sozialistischen Bundes** in Deutschland und der Schweiz, die Zeitschrift „Der Sozialist", fast unbekannt — dies war alles. Zur Tat, zum allergeringsten Anfang einer Tat, kam es nicht. Die Stimme blieb ungehört, weil die Bewegung fehlte,- der sie Ausdruck hätte sein können. Landauer hatte sie selbst ausgesprochen, die objektiven Bedingungen für den Neubeginn zu neuer Kultur: das ausgeruhte Volk, das sich in Bewegung setzt, das unbesetzte Land, das zu neuem Beginn einladet. Landauers Idee, in einem sozialen Geschehnis objektiviert, wäre das gewesen, was Martin Buber revolutionäre Kolonisation nennt. Landauer sah keine an* dere Möglichkeit als Innenkolonisation. Aber es gab ein „ausgeruhtes Volk": das jüdische, dessen gesellschaftsbildende Kräfte seit Jahrhunderten sich entweder gar nicht oder doch nur sehr kümmerlich auswirken konnten.