Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Sozialismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 523 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Emigration Hapoel-Hazair Da wären wir beim Hapoel-Hazair angelangt. „Erdnähe, verklärte Weltlichkeit, Einatmen des Göttlichen durch die Natur." In diesen Worten ist alles, was A. D. Gordon, seine bedeutendste geistige Persönlichkeit sagt, enthalten*). Ich* schloß die vorige Umschau mit der Frage: „Aber vielleicht ist der palästinensische Hapoel-Hazair gar keine politische Partei?**, die noch ihrer Beantwortung harrt. Man weiß nun, nach all dem, was hier gesagt wurde, daß er es nicht ist,- nicht sein kann, Und man findet leicht die Bestätigung, Man nehme etwa den sich so unscheinbar „Die Aufgaben der Arbeiter-Konsum« genossenschaft Ha-Maschbir in Palästina*< nennenden Aufsatz***) Da heißt es gleich eingangs: „Die Arbeiter-Organisation Hapoel-Hazair ist ins Leben gerufen worden ...um den Grundgedanken der Arbeit zu verwirklichen/* Daher ist „die Organisation weder eine sozialistische***), noch politische, sondern eine Organisation von Pionieren, von Menschen, die den Grund zu einem neuen nationalen Gebäude legen, ~~ und zugrunde legen wir gerade körperliche, landwirtschaftliche, naturgemäße Arbeit.** Pioniertum! Darin ist alles beschlossen, was Landauer, Buber und in einem gewissen Sinne auch Oppenheimer dem Sozialismus zu sagen haben. Kann man deshalb auf Politik verzichten? Darüber wird noch zu reden sein. Markus Reiner EMIGRATION i. Das Volk setzt sich in Bewegung... Aus Polen, aus Galizien, aus der Ukraina kommen auswandernde Juden an, zu Tausenden, zu Zehntausenden. Und Hunderttausende erwarten ihre Reihe dort unten, in den Ländern des Leidens. Bis in die letzte Zeit waren die Schwierigkeiten, die sich den Auswanderern entgegenstellten, bei-. nahe unüberwindbar, und infolgedessen die Auswanderung fast unmöglich. Die Östlichen Länder, das Reservoir der großen jüdischen Auswanderung» waren von der Welt durch eine eiserne Mauer getrennt, während des Krieges durch die Schützengräben und später durch den Zustand völliger Isolierung der Gebiete des ehemaligen russischen Reiches, in denen die Revolution *) A. D. Gordon: „Briefe aus Palästina**. Veit-Verlag, Berlin 1920. **) „Die Arbeit**, Berlin, Heft 23, 24, W9> '*) So Gordon, da er „Sozialismus** nur als Ii tische Bewegung kennt. tobte. Die politischen Schwierigkeiten mar1die Erlangung von Pässen und der zahlreichnötigen Visa für weite Reisen unmöglich; Sch^l rigkeiten des internationalen Verkehrs zu U**4 und insbesondere zu Wasser — Mangel an Tonnage all dies und manche andere Ursachen hatten zur Folge, daß die jüdische Auswanderung, ebenso wie die der anderen Völker, fast gleich null war. Und dies, trotzdem Zehntausende von Elenden sehnsüchtig auf die Stunde ihrer Abreise aus ihrem Wohnlande harrten, denn unter ihren furchtbaren Lebensbedingungen sah die Masse der Juden in Osteuropa keine andere Rettung als die Auswanderung. iL Es ist sehr schwierig, sich schon jetzt eine deutliche Vorstellung von der ökonomischen Lage der jüdischen Massen in Osteuropa zu machen. Die Ukraina und Sowjetrußland sind von uns fast völlig abgetrennt, und nur zur Not erreicht uns einmal eine Nachricht über das Leben der Juden aus diesen Ländern, In Polen und den Randstaaten verhindern Krieg, ununterbrochene politische Veränderungen und die andauernde ökonomische Krise die Stabilisierung des jüdischen Lebens. Aber eins ist sicher: der ökonomische Zustand der jüdischen Massen ist völlig umgestürzt und bietet ein Bild, das vom Zustande vor dem Krieg völlig verschieden ist. Es scheint, daß alle Ereignisse im jüdischen Leben der letzten Jahre dahin gewirkt haben, unter der jüdischen Bevölkerung dieser Länder jene Elemente zu vermehren, die bereit sind zur Auswanderung. Die Kriegszeit ist bezeichnet durch große Veränderung in der Berufsschichtung der jüdischen Bevölkerung. Sehr viele Juden waren durch die Macht der Umstände gezwungen, ihre produktiven Berufe zu verlassen und sich sehr wenig stabilen zuzuwenden, z. B. den verschiedenen Zweigen des Handels, die durch den Krieg entstanden sind. Die Kriegsevakuierungen, in großem Maßstabe vorgenommen, entwurzelten Tausende aus ihren Wohnorten; die Bevölkerung von Städten, von ganzen Landstrichen wurde in fremde Orte geschafft Diese Flüchtlinge konnten sich an die neuen Lebensbedingungen nicht gewöhnen, und da sie nur schwer Arbeit fanden, blieben sie in ihren neuen Wohnorten fremd, und da die meisten ihren gewohnten Beruf nicht mehr ausüben konnten, lebten sie von der Hand in den Mund und gaben sich um so hemmungsloser den leichten Verdienstmöglichkeiten hin, die während des Krieges so häufig von mehr als zweifelhafter Art. sind. Selbst an ihre früheren Wohnorte zurückgekehrt konnten sie häüfig ihren früheren Beruf nicht wieder aufnehmen, denn ihre Stelle war bereits von anderen eingenom-