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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 8-9 · p. 520

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 8-9
Article
Sozialismus
Date
1920-01-01
Page
520 (sequence 6)
Language
German
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5^0 Umschau: Sozialismus Stellung verschließen und der Beweis, daß diese Maßnahmen, soll Sozialismus kommen, notwendig sind, kann als erbracht gelten. Nicht erbracht aber ist wohl der Beweis, daß sie auch hinreichend sind. Gesetzt den Fall, die Argumentation Oppenheimers wäre zwingend, so ist damit nur der Kapitalismus historisch erklärt, so wie alle Gesellschaftswissenschaft lediglich im Nachhinein die Geschehnisse beschreipen und analysieren kann. Denn Wissenschaft kommt dadurch zustande, daß sie an Stelle der lebendigen Dinge Bilder setzt, mit denen sie ihre Begriffsoperationen vornimmt. Erfolgen diese logisch richtig und stimmt das Resultat mit der Wirklichkeit überein, so ist dadurch das Ding- Bild als zutreffend gerechtfertigt. Diese Verifikation an der Wirklichkeit kann bei den exakten Wissenschaften durch das Experiment vorgenommen werden und dann ist „Prophezeiung" möglich. Im Gebiet des sozialen, historischen, einmaligen, unwiederholbaren Geschehens kann nur die Zukunft das Gesetz, das sie ja prognostizieren will, verifizieren — daher läßt sich in der Gegenwart lediglich Notwendigkeit erkennen, nicht aber Ausschließlichkeit. Man führe die Oppenheimerschen Vorschläge durch, da sie notwendig sind, dann wird sich zeigen, ob sie auch hinreichen. Einiges läßt sich natürlich auch jetzt schon einwenden. Kapital, aus produzierten Produktionsmitteln bestehend, ist wohl beliebig reproduzierbar, aber doch nicht beliebig erwerbbar, sondern nur für die besitzenden Klassen. Und da macht es keinen Unterschied, ob der Besitz in Boden oder Produktionsmitteln oder Eigentumstiteln, kurz in Geld oder Geldwert besteht. „Der größte Geldbesitz ist nicht Unternehmerkapital, wenn der Eigentümer für die Fabrik usw. keinen Boden kaufen oder pachten kann", sagt Oppenheimer. Aber warum sollte er dies nicht können, wenn er Geld hat? Um Geld gibt es ihn überall. Ebensogut kann man ja auch sagen: Der größte Bodenbesitz ist nicht Unternehmerkapital, wenn der Eigentümer kein Geld hat, um die Produktionsmittel kaufen zu können. — Lediglich der Besitzlose kann weder das eine noch das andere erwerben. Und darum besteht ein Monopolverhältnis schlankweg zwischen Besitzenden und Besitzlosen. Und so ist es bei Marx und im Erfurter Programm verstanden. Dieses Monopol gestattet den Kapitalisten, „die Preise ihrer Produkte in dem Maße zu erhöhen, wie die Löhne steigen, so daß der Arbeiter als Konsument verliert, was er als Produzent gewinnt," ein Einwand, dem Oppenheimer damit begegnet, daß er sagt: „Nicht der Kapitalist bestimmt den Wert der Ware, sondern die darin verkörperte Arbeitszeit". Jedoch gibt dieser letztere Satz nach Oppenheimer selbst lediglich für die Statik des Marktes, nicht aber für seine Dynamik. Aber dieser statische Zustand ist seinerseits nur eine begriffliche Konstruktion. Der Gleichgewichtszustand des Marktes ist so labil, daß er nie eintritt; und die „dynamischen" Gewinne können manchmal so groß sein, daß sie eine neue „ursprüngliche Akkumulation" erzeugen*). Und so zerfließen die Folgerungen, die aus dieser Begriffskonstruktion gezogen werden, weil die Dinge fließen, weil das Leben fließt. Weil es lediglich eine Dynamik des Lebens gibt und keine Statik. Aufruf zum Sozialismus Wie weit auch Landauer mit Oppenheimer parallel geht, hier, in der dynamischen Auffassung des Lebens und damit auch der Wirtschaft, scheidet er sich von ihm. „Wir denken gleich", schrieb er in einem offenen Brief an Oppenheimer in seiner einzigartigen Zeitschrift „Der Sozialist", die er von 1908 an bis zu Kriegsanfang herausgab, „wir denken gleich über das Verhältnis von Staat und Wirtschaft, von Ausbeutung und Gewalt, von Boden und Kapital, von Genossenschaft und Sozialismus, von Großgrundeigentum und Feudalstaat und von Bodenfreiheit und Sozialismus" **). Aber „alle Scheindinge und Zustände sind auf immerwährende Seelenvorgänge zurückzuführen... Der Staat ist nicht entstanden, sondern er entsteht in jedemAugenblick durch Dulden und Handeln, durch Seelenverfassung". Entsteht er aber in jedem Augenblick aufs neue durch Seelenverfassung, so läßt sich in jedem Augenblick sein Bann brechen: durch Seelenverfassung. Diese Seelenverfassung schaffen will der „Aufruf zum Sozialismus". Durch Aufrüttelung der Gewissen, Erweckung von Abscheu vor der Kulturwidrigkeit unserer Zeit, vor ihrer Häßlichkeit, ihrer Geistlosigkeit. Und ist es so weit, ist in einer Anzahl von Menschen diese Seelenverfassung erweckt, so brechen sie den Bann. Als erstes stellen sie, die Mitglieder des „Sozialistischen Bundes" (dessen 12 Artikel Landauer 1908 aufstellte) ihre Arbeit in den Dienst ihres Verbrauches und vereinigen ihre Konsumkraft, um die Produkte ihrer Arbeit z. B. mit Hilfe einer Tauschbank zu tauschen. Hierauf schicken sie Pioniere aus, die darangehen, so- *) AU die ungeheuren Gewinne, die eben jetzt in der Nachkriegszeit überall gemacht wurden, sind dynamische Gewinne. **) „Der Sozialist", 4. Jahrgang, Nr. 14, Juli 1912.

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