Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Sozialismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 519 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Sozialismus 519 Marx, gemäß seiner „industriezentrischen" Auffassung, im industriellen Produktionsprozeß. Sein Lösungsversuch konnte aber nicht gelingen, da er lediglich eine Teiltheorie bot. Denn er ließ außer Betracht, daß die auf dem Markte angebotenen Waren nicht nur stoffliche Dinge (Güter) sind, sondern zweitens Dienste und drittens auch Rechte und Verhältnisse. Und von den Gütern vernachlässigte er die wichtige Klasse der Monopolgüter, deren Wert eine gesellschaftliche Beziehung ausdrückt, die durch die Unterordnung unter eine Rechtsordnung hergestellt wird. Dagegen lehrt die „agrozentrische" Auffassung (in jedem Schritt gestützt auf eine Marxsche Erkenntnis, aber sie anders kombinierend): Der Kapitalist steht zum „freien" Arbeiter in einem „gesellschaftlichen Kapitalverhältnis", welches ein „gesellschaftliches Monopolverhältnis" ist. Wo aber unter einem Monopolverhältnis getauscht wird, erhält der Monopolist Mehrwert, der Kontrahent Minderwert. Die das gesellschaftliche Verhältnis vermittelnde Sache ist als Monopol jedenfalls nicht das „Kapital", da dieses aus beliebig „reproduzierbaren Gütern" besteht,' Sie kann daher nichts anderes sein, als der gesperrte, d. h. monopolisierte Boden. Diese Lösung Oppenheimers unterscheidet sich von der „bodenreformerischen" dadurch, daß sie sozialistisch ist, d, h. den Kapitalprofit als einen Effekt der „politischen" Ökonomie erklärt und ihn daher als unberechtigt erkennt. Der „liberale Sozialismus* * Die. Aufgabe, die sich Marx gestellt .hatte und die Oppenheimer für sich akzeptiert, war die Bestimmung des „ökonomischen Bewegungsgesetzes" der kapitalistischen Wirtschaft; daraus sollte sich die Möglichkeit ergeben, prognostisch festzustellen, zu welchen Gestaltungen dieses Gesetz die Gesellschaft zu entwickeln tendiere. Als Triebkraft der bürgerlichen Gesellschaft war der Mehrwerthunger aufgedeckt. Mit ihm als Motor und der freien Konkurrenz als Mittel leitete Marx als Tendenz der kapitalistischen Entwicklung die gleichzeitige Simplifizierung und Unifizierung der Produktion sowie die Akkumulierung des Kapitals ab. Dadurch werden Arbeiter freigesetzt, die industrielle Reservearmee vergrößert und die stete Verelendung des Proletariats bewirkt. Damit sind die wirtschaftlichen und politischen Vorbedingungen für den Kommunismus geschaffen, der schließlich mit dem Sieg des Proletariats ins Leben tritt. Dieser Prognose entspricht die seither beobachtete Entwicklung nicht; und zwar deshalb nicht, weil, nach Oppenheimer, die Surplusbevölkerung tatsächlich nicht aus der Industrie* sondern vom Lande stammt. Mit dem Sturze des Feudalismus, der „Befreiung" des vorher an die Scholle gebundenen Landvolkes, setzt der Kapitalismus ein. Er ist, bei gleichzeitiger Bodensperrung, die Frucht der Freizügigkeit. Ist somit der Beweis, daß der Kommunismus notwendig kommen muß, nicht erbracht — jene Ansicht, die Marx als seine Utopie vorgefaßt hatte, und zwar lediglich von der „Kinderfibel" der „ursprünglichen Akkumulation" getrieben, wonach auch eine Gesellschaft von Freien und Gleichen sich unter dem Einflüsse der freien Konkurrenz (des wirtschaftlichen Liberalismus) in eine Gesellschaft von Unfreien und Ungleichen verwandeln müsse*) — so ist die Frage berechtigt, wie die klassenlose Gesellschaft der Zukunft wirtschaftlich organisiert sein wird. Hier setzt Oppenheimer mit seiner Utopie ein. Aufhebung der Bodensperrung nebst innerer Kolonisation sprengt das Kapitalverhältnis. Beispielsweise in Deutschland ist lediglich erforderlich, daß der Staat in kurzer Zeit ein bis zwei Millionen Hektar Land aus Großbetrieben freihändig ankauft und dem Landbedürfnis der Zwergbauern und namentlich des landlosen Ackerproletariats zur Verfügung stellt. Dann ist der allergrößte Teil des noch existierenden Großbesitz (ca. 15 Millionen Hektar) aus Mangel an Arbeitskräften nicht mehr haltbar und wird dem Staate zu immer billigeren Preisen angeboten. Von nun an stockt die Abwanderung vom Land in die Stadt; im Gegenteil: es flieht städtische, Proletarierbevölkerung zurück aufs Land. Damit bricht zuerst die städtische Terrain- . Spekulation zusammen. Und in der Industrie sinkt infolge des Verschwindens der industriellen Reservearmee, das Angebot von Arbeitskraft auf dem Markte der Dienste, während andererseits' die Nachfrage nach Arbeit und daher auch nach Arbeitern infolge des durch die innere Kolonisation gewaltig vergrößerten agrarischen Binnenmarktes stetig steigt. Damit steigt der Lohn, und er steigt so lange, bis er den Mehrwert auch in der Industrie verschlungen hat. Dem Kapitalisten bleibt nichts mehr als der „Unternehmeriohn" als Entgelt für seine qualifizierte Arbeit als Leiter und Organisator. Die Gesellschaft der Freien und Gleichen ist im „ordre naturel" hergestellt, der Markt und die Konkurrenz bleiben als Regulatoren sowohl der Erzeugung wie der Verteilung der Güter bestehen, der liberale Sozialismus ist verwirklicht. Niemand wird sich der Schlagkraft dieser Dar- *) Eine Ansicht, die z. B. Bucharin in seiner bekannten bolschewistischen Propagandabroschüre „Der Kommunismus" ausführlich auseinandersetzt. 34*