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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 8-9 · p. 518

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 8-9
Article
Sozialismus
Date
1920-01-01
Page
518 (sequence 4)
Language
German
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5i8 Umschau: Sozialismus fen werden kann: das ist das vom Staat nicht bloß gewährleistete, sondern in der Entstehung des Staates erst so geschaffene Privateigentum am Boden. Und so waren die agrarischen Bewegungen der großen französischen Revolution, die Kämpfe gegen den Feudalismus auf dem Boden, aut dem sie sein mußten. Politische Revolutionen müssen den Boden frei machen (im wörtlichen und in jedem Betracht), aber zugleich werden die Einrichtungen bereit sein müssen, in denen der Bund der wirtschaftlichen Gesellschaften leben kann, der dazu bestimmt ist, den Geist auszulösen, der hinter dem Staate gefangen sitzt. Die „agrozentrische" Auffassung In der Auffassung, daß die Aufgabe jeder Politik (und damit auch der Revolution) sich erschöpft in der Freimachung des Bodens, geht Landauer mit Franz Oppenheimer parallel, dessen neuestes, seine Anschauungen noch einmal zusammenfassendes Buch ich bereits eingangs erwähnt habe. — Den „liberalen Sozialismus" Oppenheimers habe ich in der vorigen Umschau flüchtig skizziert, gemäß der flüchtigen Skizze, die die dort erwähnte Broschüre bietet. Hier liegt nun eine ausführliche Darlegung vor, gegeben an Hand einer Kritik des Marxschen „industriezentrischen" Systems, im übrigen aber so weit marxistisch, daß Oppenheimer geneigt ist, ihn als „Neo-Marxismus" zu bezeichnen. Aus dem Marxschen Marxismus übernimmt er die Methode und das Fundament. Die Methode ist die . „wissenschaftliche": „Die menschliche Gesellschaft ist ein Organismus, gewachsen und entfaltet durch natürliche Gesetze. Daher kann man sie nur so weit umformen, als es in der Tendenz ihrer Entwicklung liegt Der Sozialist hat somit keine andere Aufgabe, als die Hindernisse der naturgemäßen Entwicklung aus dem Wege zu räumen"*). Dies hört sich noch ganz marxistisch an. Jedoch ist nach Marx der Kapitalismus eine notwendige Durchgangsstufe auf dem Wege zum Kommunismus, der seinerseits mit der Notwendigkeit eines Naturgesetzes aus jenem entstehen muß. Nach Oppenheimer aber ist der Kapitalismus eine Krankheitserscheinung am sozialen Organismus, die wissenschaftlich zu ergründen ist, damit die Hindernisse, die dem natürlichen Heilungsprozeß entgegenstehen, aus dem Wege geräumt werden können. — Damit ist die Marxsche Idee bis zu ihrer Negation modifiziert. Denn ist der Kapitalismus eine Krankheit unserer Kultur, so kann sie natürlich auch an ihr zu- *) Die Zitate sind nicht wörtlich. gründe gehen; und ist die Krankheit genügend weit fortgeschritten, so wird sie daran zugrunde gehen, wenn nicht derbewußteWille handelnd, heilend eingreift. Diese Konsequenz läßt der Marxismus nicht zu; und damit ist der „wissenschaftliche Sozialismus" Oppenheimers charakterisiert als ein konstruktiver Sozialismus unter Benutzung wissenschaftlicher Erkenntnis, gegenüber der älteren Utopistik, die konstruktiver Sozialismus naiver Voraussetzungslosigkeit war. Seine Utopie enthält der Oppenheimersche Sozialismus natürlich auch: es ist dies der „ordre naturel", der aus keiner Erfahrung bekannte Gesundheitszustand des sozialen Organismus, und der sich ebensowenig aus dem „gegebenen" Element „Mensch" deduzieren läßt, weil es eben in seiner Totalität nicht gegeben ist, auch nicht durch das „Prinzip des kleinsten Mittels", der „richtigen Prämisse" der klassischen Nationalökonomie. Welches ist die primäre Ursache jener Krankheitserscheinung? — Es ist die geschichtliche erobernde Gewalt, mit der vor Jahrhunderten einem besiegten Volke durch ein Siegervolk der Klassenstaat auferlegt wurde, mit dem einzigen Zweck, die jetzt zur Oberklasse gewordenen Sieger möglichst dauernd und möglichst reichlich mit unentgoltenen Gütern, die der Fleiß der Unterklasse schafft (d. i. Mehrwert), auszustatten." Trat erst die unentgoltene Aneignung als Raub der Gebrauchsgüter auf, als welches das unentfaltete politische Mittel der Bedürfnisbefriedigung ist, so entfaltete es sich auf höherer Kulturstufe zum Staat, der auf die Dauer berechneten Form der Bewirtschaftung einer Menschengruppe durch eine andere, als Sklavenwirtschaft und Feudalwirtschaft: auf dem geraubten Boden erhob sich die in Rechtsformen gegossene Gewalt. So ist der Bodenraub die wahre „ursprüngliche Akkumulation". Dies das Fundament, das Oppenheimer von Marx übernimmt. Das Fundament, das Marx verließ, als er „den aussichtslosen Versuch unter nahm, die Entwicklung der Industrie zu begreifen, als wäre sie eine „unabhängige Variable", ein selbständiger Organismus mit eigenen selbständigen Gesetzen, unabhängig von der Landwirtschaft und ihrer Gestaltung". Dazu versuchte er das Wesen des Wertes zu bestimmen und daraus den Mehrwert abzuleiten. Den Wert stellte Marx fest (nicht als eine Beziehung zwischen Mensch und Gut, sondern) als eine gesellschaftliche Beziehung zwischen Personen, vermittelt durch Sachen. Er wird bei den beliebig reproduzierbaren Gütern gemessen durch die in ihnen verkörperte Arbeit. Daher ist Mehrwert unentgoltene Arbeit. — Wie entsteht er? — Seinen Entstehungsort suchte

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