Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Sozialismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 517 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Sozialismus 517 Als die Verbundenheit erstarrte, Sinn und Heiligung zu verlieren anfing, löste sich das Individuum aus geistigen und sozialen Banden, entstand das, was man zunächst die „Renaissance" nennt, was aber nichts anderes war, als Verfall einer ersten Kulturhöhe und ein Übergang und Suchen nach neuen Formen — und dies ist: die Revolution, die einzige, die wir kennen; die noch nicht zu Ende ist, die über die Jahrhunderte hinwegschreitet und deren einzelne Tritte jene Revolten sind, die im engeren Sinne Revolutionen genannt werden: die Reformation, die Hussiten- und Bauernkriege; die Staatsrevolutionen in den Niederlanden, Schottland, Frankreich, abgeschlossen durch die englische Revolution; der amerikanische Unabhängigkeitskrieg, die große französische Revolution des 18. Jahrhunderts und das was sich im 19. Jahrhundert in allen Ländern an sie anschloß; und (vorläufig) die russische Revolution (von 1905) ... Sie erfüllen das Zeitalter des Überganges, das man „Neuzeit" nennt. Dieses Zeitalter ist charakterisiert als eines der Geistlosigkeit und damit: der Gewalt und des Individualismus und der Atomisierung der Massen. Es lebt in einem Gemenge aus: Ersatzmittelndes Geistes: Staat; Wucherungen des Geistes: individualistische Kunst und Wissenschaft; Versuchen nach Freiheit: Revolutionen. Es gibt darin Zeiten relativer Ruhe und einer gewissen autoritativen Stabilität (diesen Zustand nennt Landauer die Topie). Da jedoch kein Geist dem Leben Sinn und Weihe gibt, wendet sich das Ideal vom Gegenwärtigen ab, dem Neuen zu: <ier Utopie. Dies bringt die Revolution. Revolution ist Aufruhr und Chaos. Aber die praktischen Erfordernisse des Mitlebens während der Revolution: das durch die Revolution gestörte Wirtschaftsleben, Eingriffe aus dem Bereich feindlicher Umwelt, bringen es mit sich, daß in der Form der Diktatur, provisorischen Regierung, anvertrauten Gewalt oder ähnlichem sich während der Revolution die neue Topie bildet. Diese neue Topie tritt ins Leben zur Rettung der Utopie, bedeutet aber ihren Untergang. So ist Revolution nur das Interregnum zwischen zwei Topien. Dies also ist Revolution: der Weg vom dahingehenden Gemeingeist durch Gewalt und Empörung, Not der Massen und Genialität der Einzelnen — ins Unbekannte... Und wenn sie sich nicht zu einem Neuen gestaltet, und nicht mehr Revolution ist, sondern Regeneration, 'ünd zwar Regeneration aus eigener Kraft und hier in unserer Mitte (denn es gibt keine „neuen" Völker mehr, die aus ihrer Ruhe zu uns kommen könnten, uns Gesundung zu bringen, und kein unbesetztes Land, das zu neuem Beginn ein¬ Heft 8/9. ladet) — dann kann dieses „Unbekannte" der definitive Verfall des Menschengeschlechtes, das"' Ende der Menschheit, die sich eben rund um den Erdball herum geschaffen hat, sein. Was aber vermag doch Revolution? Revolution ist Aufschwung und Taumel. Sie bringt den Geist der Freude über die Menschen. Nicht bloß als Reaktion gegen vorhergegangenen Druck, nicht bloß aus ihrem reichen, zusammengedrängten Leben; wesentlich vor allem ist, daß die Menschen sich ihrer Einsamkeit ledig fühlen, daß sie ihre Zusammengehörigkeit, ihr Bündnis, ihre Massenhaftigkeit erleben. In dem Feuer, in der Hingerissenheit, der Brüderlichkeit dieser aggressiven Bewegungen erwacht immer das Bild und das Gefühl dieser, positiven Einung durch verbindende Eigenschaft: durch Liebe, die Kraft ist, und ohne diese vorübergehende Regeneration könnten wir nicht weiterleben und müßten versinken. Trotz alledem aber ist die Revolution Negation. Und da sie keine, oder nur völlig ungenügende positive Kräfte in sich birgt, sind ihre Auskunftsmittel, damit die Gemeinschaft von Tag zu Tag weiterexistiert, nur kümmerlicher Natur. Diese Empörer wissen, daß die Menschen Brüder sind, aber sie glauben, sie sind es schon wieder, wenn nur die Hemmnisse und Gewalten entfernt sind. In Wahrheit sind sie es nur während der Zeit, in der sie die Hemmnisse und Gewalten bekämpfen und heben. Denn noch etwas anderes dazu ist nötig,' damit ein Bleiben über die Gestaltungen der Menschen kommt: und das ist Geist. Und es ist nicht damit getan, daß der Geist angerufen wird: er kommt nur, wenn die Gebilde da sind, aus denen er herausleben und die er erfüllen und gestalten kann. Welches ist somit die Bestimmung der Revolution? Ihre Bestimmung ist: den Menschen ein Bad des Geistes zu sein — nichts weiter. Hat sie, von der Utopie getrieben, die eine Staatsform niedergekämpft, so tritt an ihre Stelle ein anderes, mehr oder weniger variiertes Surrogat des Geistes. Denn sie ist die ultima ratio der Politik, aber nichts mehr, und ihre Wirkungen können nur politische sein. Das aber, was man die soziale Revolution nennt, hat mit der politischen gar keine Ähnlichkeit. Sie kann allerdings ohne vielerlei politische Revolutionen nicht lebendig werden und bleiben, aber sie ist ein friedlicher Aufbau aus neuem Geiste und zu neuem Geist Einen Punkt allerdings gibt es, wo Politik und Sozialismus sich mit Notwendigkeit berühren, wo eine soziale Entscheidung nur mit den Mitteln der Politik getrof- 34