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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 8-9 · p. 516

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 8-9
Article
Sozialismus
Date
1920-01-01
Page
516 (sequence 2)
Language
German
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Umschau: Sozialismus die gemacht worden waren, ihr Ziel nicht erreicht hatten, sondern vielmehr aus einer gewissen Grundhaltung heraus, die das Wesen des „Politikers" ausmacht, der rechnen will und dies nur mit großen, quantitativ großen, sozialen Kräften tun kann und der viel zu pessimistisch von der Menschennatur und den Möglichkeiten, die sie bietet, denkt, um nicht mit Josef Popper zu sagen: „Da man die Menschen nicht ändern kann, muß man die Institutionen ändern4«*). Tatsächlich führt auch dieser Weg in jenen Bezirk, in dem der Sozialismus an die Religion grenzt und in sie übergeht. Es ist ein „heiliger Weg". Daß hier nicht mehr mit dem Menschen schlechtweg gerechnet werden kann, spricht Jesus von Nazareth, der historische oder mythische Gründer einer sicherlich historischen und nicht mythischen j üdischen kommunistischen Gemeinde in einer Stelle des Ev. Lucas (XVIII, 22—27) aus, da er zu dem Reichen sagt: „Verkaufe alles was du hast und gib's den Armen", und jener traurig wird („denn er war sehr reich"). „Da aber Jesus sah, daß er traurig war worden, sprach er: Wie schwer werden die Reichen in das Reich Gottes kommen! Es ist leichter, daß ein Kamel gehe durch ein Nadelöhr, denn daß ein Reicher in das Reich Gottes komme. Da sprachen, die das höfeten: Wer kann dann seiig werden? Er aber sprach: Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich." So ist das andere Mittel jenes, von dem Tolstoi in dem Motto, das Buber den „Worten an die Zeit" vorgesetzt hat, sagt: „Es gibt nur ein Mittel: die religiöse Umwandlung der menschlichen Seele." Ist dieses Mittel unmöglich, so ist Sozialismus unmöglich. Kommt diese Umwandlung nicht, so ist das, was kommt, der Untergang. Der Untergang unserer Kultur, vielleicht der Untergang der Menschheit. Die Revolution Um dieses, um nichts weniger, geht, nach Landauer, der Sozialismus: um die Rettung um die Regeneration der verkommenden Menschheit. Er hat diesen Gedanken in seiner Monographie „Die Revolution" (Rütten & Loening) ausgeführt, die als Einleitung zu seinem „Aufruf" betrachtet und daher hier behandelt werden muß. *) Im Gegensatz hierzu hat Buber in einer Ansprache in Prag von Landauer gesagt: „Landauers Idee war unsere Idee. Es war die Erkenntnis, daß es nicht darauf ankommt Einrichtungen zu ändern, sondern die Beziehungen der Menschen zueinander zu verwandeln." Bevor er zürn unmittelbaren, direkten, unpolitischen Aufbau aufrief, durchmaß er den ganzen Bereich der Politik bis an ihre ultima ratio: die Revolution. Was ist Revolution, was vermag sie und welches ist ihre Bestimmung? fragte er sich. Als Vorfrage: Was kennen wir überhaupt an Revolutionen? — Zu ihrer Beantwortung holt er weit aus und umfaßt mit seinem Blick die gesamte Menschengeschichte. Einen „Fortschritt" vermag er in ihr nicht zu erkennen, sondern nur in einem Auf und Ab ungezählter, Völker ein Aufhören bestimmter Kulturen durch Alter^und Völkermischung und einen Neubeginn aus Decadence (des einen) und ausgeruhter Entbehrung (des anderen Teiles). Solch ein Neubeginn ist in die Zeit der „Völkerwanderung" zu setzen, in das Zeitalter des Verfalls der Antike, des Heraufkommens ausgeruhter Völker, des Durchdringens des Christentums. Mit ihm beginnt die christlich-europäische Geschichte, die Geschichte „unserer", der^ europäisch-amerikanischen Welt. Aber was da geschah, war nicht Revolution, sondern Regeneration. Aus ihr entstand eine neue Kultur, die Kultur des sogenannten Mittelalters, der bisher einzigenBlütezeit,, unserer" Geschichte. Eine Kultur von durchaus anderer Art, jedoch gleicher Höhe wie jene der griechischen Antike. Und dies ist Kultur: eine Zeit der Bestandsicherheit, einer Synthese von Freiheit und Gebundenheit, wo mannigfache Gesellschaftsgebilde, die ausschließlich sind und nebeneinander bestehen, von einem einheitlichen Geist durchdrungen, eine in Freiheit (nicht durch Gewalt) sich zusammenschließende Gesamtheit vieler Selbständigkeiten darstellen. Kultur ist Überwältigung vom Geiste und lebt aus dem Prinzip der Schichtung im Gegensatz zum Prinzip des Zentralismus und der Staatsgewalt, das immer da eintritt, wo der gemeinsame Geist, der Gemeingeist, verloren gegangen ist. Solche selbständige Gesellschaftsgebilde waren im Mittelalter: Dorf-; und Markgenossenschaft mit ihrem Gemeinbesitz an Grund und Boden und gemeinsamer Wirtschaft; Gilden, Zünfte und Brüderschaften der Städte mit ihrer eigenen Gerichtsbarkeit; selbständige Straßen, Sprengel und Kirchspiele dieser Städte; Städtebünde und Reichsversammlung; — die sich gegenseitig durchdrangen, die sich durcheinanderschichteten, ohne von einem absoluten Staat zusammengepreßt zu werden, lediglich durch den gemeinsamen, den „christlichen"®) Geist verbunden. — *) Bei „christlich" ist nicht an das Christentum als Lehre zu denken, sondern an die lebensgestaltende Kraft eben jener Zeit

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