Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Sozialismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 515 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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UMSCHAU LEBEN UND BEWEGUNG SOZIALISMUS Das andere Mittel „Es gibt ja auch andere Mittel zur Verwirklichung von Utopien als Parteipolitik" war in der letzten Umschau über „Sozialismus" (Heft 3). gesagt worden. Das andere Mittel ist die direkte Aktion, hervorgegangen aus der persönlichen Entscheidung; die direkte Aktion als Versuch, der Anfang als Propaganda der Tat; die unmittelbare Verwirklichung der gerechten Gesellschaft in ihrer Zelle, der Gemeinde der Freien und Gleichen, der sozialistischen Siedlung, durch Austritt aus der kapitalistischen Gesellschaft. Es sind Anzeichen dafür vorhanden, daß dieser Weg, zu dem Gustav Landauer*) als Jude außerhalb des Judentums aufrief und zu dem Martin Buber**) in direkter Nachfolge innerhalb des Judentums, aber doch auch zu den „Völkern" sprechend, aufruft, in der sozialen Regeneration des jüdischen Volkes stärker begangen werden dürfte, als die bisherige allgemeine geschichtliche Erfahrung schließen ließe. Man darf ihn aber nicht als die Methode des von Marx totgeschlagenen reinen Utopismus auffassen. Es handelt sich hier nicht darum, die sozialistische Gesellschaft „aus dem Kopfe zu erfinden". Dies tat der theoretische Utopismus. Er stellte in der Utopie ein Phantasiebild der erstrebten Gesellschaftsordnung auf, die der praktische Utopismus dann zu verwirklichen hatte. Daß dieser dann auch mit „Gemeinden" begann, geschah nur faute de pouvoir; vor ihm stand der fertige Bauplan der *) Gustav Landauer: „Aufruf zum Sozialismus". 3. Auflage. Paul Cassirer, Berlin 1920. **) Martin Buber: „Der heilige Weg", Rütten & Loening, Frankfurt a. M. 1920. „Worte an die Zeit". Dreiländerverlag, München 1919i.Heft: „Grundsätze". 2. Heft: „Gemeinschaft". ganzen Gesellschaft, die wollte er nach ihm erbauen. Dem gegenüber lehnt es Landauer ausdrücklich ab, eine Utopie zu geben, eine Detailschilderung der wirtschaftlichen und sozialen Ordnung des Sozialismus, zu dem er aufruft. Was er aufstellt, ist lediglich ein Prinzip, und zwar ein ethisches Prinzip: das Prinzip der Gerechtigkeit, das natürlich in mancherlei Gestalt konkretisiert werden kann. Daher ist für ihn Sozialismus auf jeder Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung, bei jeglicher Form der Technik möglich und durchaus nicht gleichbedeutend mit Kollektivismus. — Aus einem noch umfassenderen Prinzip deduziert Buber seine Leitsätze: aus der Aufgabe des Menschen, das göttliche Bild des Alls eins, das in ihm ruht, durch die Allverbundenheit aus sich zu entfolten. — Soll daraus Sozialismus lebendig werden, so kann er es nur, wie jedes Leben: als Versuch. Das, was dann entsteht, ist die empirisch gefundene Resultante aus den, von den gegebenen Individualitäten aus wirkenden, Kräften als Komponenten. Der Utopismus ist aprioristisch, die direkte Aktion empiristisch. „Sozialismus als Wirklichkeit muß erlernt werden." Allerdings war es aber gerade die direkte Aktion, die der Marxismus am Utopismus von jeher abgelehnt hatte. (Hierzu vergleiche man das in der vorigen Umschau Gesagte.) Utopie selbst gab es auch bei Marx. Ja, nach Franz Oppenheimer*) ist Marxens Kommunismus weiter nichts als eine vorgefaßte Utopie und seine wissenschaftliche Deduktion, soweit sie ihn beweisen soll, durchaus haltlos. Die direkte Aktion, den Versuch unmittelbarer Verwirklichung, hatte aber der Marxismus abgelehnt, nicht nur weil die wenigen Versuche, *) Franz Oppenheimer: „Kapitalismus, Kommunismus, wissenschaftlicher Sozialismus". Vereinigung wissenschaftlicher Verleger. Berlin und Leipzig, 1919.