Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Der Verstoßene
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 510 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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5io S. J. Agnon: Der Verstoßene Kraft dieser Einsicht schuf er sich ein Gutes. ,£in heiliges Lächeln krönte das Antlitz des Rabbi, und er rief sich zurück, was dem heiligen Baalschem zugestoßen war, wie ihm ein heiliger Sabbath durch irgendeine leichte Sünde verstört worden war, damit er in dieser Welt sich reinige und im Paradiese seinen Teil erhalte obenan und ungeschmälert. Sogleich ward er Herr über die ganze Bitternis, häufte eine Prise Tabak und roch den angenehmen Duft, und er nahm die Richtung darauf, Israel die Lieblichkeit seiner Rede vernehmen zu lassen- Da wurde jeder an seinen Platz gefesselt, und sie machten ihre Ohren wie Trichter. Der Rabbi öffnete seine Büchse, eine Büchse mit gutem Tabak, und stellte sie auf den Tisch. Sie verstanden, daß er sie mit Absicht hingestellt hatte, damit auch sie von dem Tabak genießen sollten. Sie faßten hin, nahmen ein bißchen und rochen daran, daß die Atemwege sich öffneten und das Hirn klar wurde. Der Tabak war wie ein feiner Samen und sein Duft wie der Duft von Apothekerwürze. Aus Rußland hatte man ihn dem Rabbi zum vorigen Versöhnungstag gebracht. Zwar Thora und Gottesfurcht gibt es Gottlob auch bei uns in den Ländern des Kaisers. Aber wer wahrhaft guten Tabak riechen will, dem bleibt keine Wahl, als ihn von dott kommen zu lassen. Als ihr Geist klar geworden war, sprach der Rabbi: Ich will euch eine wunderbare Geschichte vom heiligen Baalschem erzählen. Aber vor der Geschichte winkte er ihnen, sich zuzutrinken. Da faßten sie gegenseitig in Liebe ihre Hände, sprachen viele Segenswünsche und wurden mit erstaunlichem Anhangen einander verbunden, jeder nach seinem Maß. Der Wirtin teilte man einen besonderen Winkel ab, um die Worte des Rabbi zu hören, so wie die Sunamiterin die Worte des Elisa hörte. Und der Rabbi erzählte die Begebnisse der Geschichte, die in dem Buche „Die Werke Gottes" aufgeschrieben sind. Das Mahl Davids wurde nach der Vorschrift beendet .und der Hausherr goß den Becher für den Segensspruch ein und gab ihn dem Rabbi in die Hand. Der Rabbi erhob den Becher und gab sich dem Anhangen an Gottes Heiligkeit hin durch eine schöne Bewegung und sprach das Tischgebet. Die Nacht begann sich von einer Welt zur andern auszuspannen und der Weltraum zog mehr und mehr die obere Klarheit in sich. Das Leuchten breitete sich aus und milderte die Dunkelheit, und der Tag stieg in die höheren Welten. Und in der Stunde, in der sein großer Name sich in seinem heiligen Palaste absonderte, um sich mit Liedern und Hymnen zu bekrönen, standen die Söhne des Königspalastes in Flehen und in Gesängen. Rabbi Uriel stand auf und hüllte sich in seinen Tallis und speiste seine Augen am Leibe der Welt und geriet in starke Inbrunst vor den geläuterten Welten und vor der Verkettung der geschaffenen Welten, so daß er seine Stirn an die Fensterscheibe legte, sein wunderbares Anhangen ein wenig zu kühlen, um nicht gänzlich aus der Wirklichkeit vernichtigt zu werden. Die Chassidim erhoben sich zum Gebet, und die Wirtin richtete das Morgenbrot.