Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Der Verstoßene
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 511 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Martin Buber: Lehrer und Schüler SU So geleiteten die Herzerfüllten die Königin der Tage und zogen das Licht des Sabbath in alle Tage der Woche. Und um die wahrhafte Anmut jenes Sabbath auszumalen und vorzustellen und zu erklären, würden alle Widderfelle von Newajot nicht ausreichen. Schnee in Fülle zog sich jene ganze Woche herab vom oberen Pfade der niederen Welt zu. Die Schenke ward von der oberen Reinheit bedeckt, die Herzerfüllten saßen im Schatten süßer Ruhe, und die obere Lieblichkeit strömte in sie. Niemand ging und niemand kam. Aber der herzerfüllte Mann, dem die Gottesfurcht ans Herz rührte, kräftigte sich und zerbrach alle Hemmungen und stahl sich im geheimen aus den Augen der Stadt, aufzusteigen in den Sitz der Gerechtigkeit zur Stätte cdes Gerechten. MARTIN BUBER / LEHRER UND SCHÜLER (Drei Geschichten vom Baahchem) 1. Segen und Hindernis Der Baalschem fragte einst den Rabbi Mei'r Margoliut: -"„Meid, entsinnst du dich noch des Sabbats, als du die Fünfbücher zu lernen begannst — die große Stube deines Vaterhauses war voller Gäste, man hatte dich auf den Tisch gestellt, und du trugst deine Rede vor?" Der Rabbi sprach: „Wohl entsinne ich mich. Plötzlich kam meine Mutter herein und riß mich mitten in der Rede vom Tisch. Mein Vater wurde unwillig, sie aber zeigte auf einen Mann im kurzen Bauernpelz, der in der Tür stand und mich ansah; da verstanden alle, daß sie das böse Auge fürchtete. Während sie noch nach der Tür zeigte, war der Mann verschwunden." „Ich war es", sagte der Baalschem. „In solchen Stunden kann ein Blick großes Licht in eine Seele schütten. Aber die Furcht der Menschen baut Wände vor das Licht." 2, Unberaten Die Schüler des Baalschem hörten von einem weisen und gottgerechten Mann. Einige unter ihnen verlangte es ihn aufzusuchen und seine Lehre zu erfahren. Der Meister gab ihnen die Erlaubnis; sie aber fragten weiter: „Und woran sollen wir erkennen, ob er ein wahrer Zaddik ist?" „Erbittet von ihm", antwortete der Baalschem, „einen Rat, wie ihr es anzufangen habt, damit die fremden Gedanken euch nicht mehr beim Beten und Lernen stören. Gibt er euch einen Rat, so wißt ihr, daß er der Nichtigen einer ist. Denn das ist der Dienst des Menschen in der Welt bis zur Todesstunde, unberaten und unbeholfen mit dem Fremden zu ringen und es Mal um Mal einzubannen in die Eigenheit des göttlichen Namens."