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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 8-9 · p. 508

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 8-9
Article
Der Verstoßene
Date
1920-01-01
Page
508 (sequence 9)
Language
German
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S. J. Agnon: 8. Wie der Spielmann spielte. David spähte umher und sah eine uralte Geige an der Wand hängen. Viele Menschenalter hing sie bereits an der Wand und keine Hand hatte an sie gerührt. Ein alter Zauberer hatte sie gemacht, und Saiten hatte er ihr gemacht aus den Haaren von sieben alten Hexen, und wer auf ihr spielte, der erweckte, Gott bewahre, sündige Liebe. Plötzlich streckte David die Hand aus und nahm die Geige. Da fielen die toten Spinnen aus ihr heraus, und ihr Inneres ward mit Jubel erfüllt. Holde und liebliche Stimmen begannen aufzuwachen und hervorzusteigen, wie die Stimmen der Vögel, die um Mitternacht im heiligen Apfelgarten erwachen, und die Seufzer der Silberhaare rauschten auf und ließen das Herz erdröhnen von der Feuersglut der Liebe, stark wie der Tod. David, David, was tut er? Weiß er denn nicht, daß in jedem, der diese Geige gebraucht, sofort das Feuer der Liebe aufflackert und ihr Licht niemals erlischt? Selbst jener Christ, der; sie für ein Glas Branntwein verpfändet hatte, hatte niemals auf ihr gespielt. Denn ein heilloser Fluch hing an der Geige, sieben alte Hexen hatten ihn ausgesprochen, und in jedem, der sie gebrauchte, flackerte sündiges Feuer auf. Noch führte Davids Hand den Bogen, und süße Melodien zogen sich immer länger hin, die von wunderbarer Sehnsucht voll waren. Aber es dauerte nur wenige Minuten, bis er seinem willentlichen Tun entzogen und aus seiner Körperlichkeit entrückt und zu einem dienenden Gerät wurde, gespielt wie ein Instrument. „Und es geschah, als der Spielmann zum Saitenspiel wurde, da war die Hand Gottes über ihm." Da begann David an den Gliedern zu zittern, und seine Finger und Hände verwirrten sich, und die Geige fierzur Erde und die letzte Melodie erstarb. Die Geige lag auf dem Boden, aber noch zuckten die Saiten, und jene Liebe, die er vorher erweckt hatte, schwang sich empor und stieg zu Gott, dem Einzigen. Das Antlitz des Rabbi leuchtete und sein Lächeln über ihm war Liebe. Ihre Herzen waren voll Bewegung von der Kraft der Melodie. Bald hier, bald dort standen sie auf und traten zueinander, riefen einander zu und sprachen: Ach, herziger Bruder! Und sie begannen zu tanzen und zu springen, bis ihnen die Pantoffeln von den Füßen glitten. Und auch die, die demütig waren in ihrer sanften Sprache, brüllten wie die Junglöwen: Der Hunger war schwer im Lande, und die Kinder von Chuscham sind Dan . . .! Und der Rabbi sang mit erstaunlichem Anhangen: Herziger Vater im Himmel! Und er umgürtete sich mit Kraft und Freude und tanzte den höchsten Tanz, und alle Chassidim tanzten um ihn, daß ihnen die Pantoffeln von den Füßen glitten. 9. Mitternachtsklage. Da erwachten die Hähne, die in der Ecke am Ofen waren, zum Dienste des Schöpfers, standen auf und krähten zum Beginn der zweiten Nachtwache. Und während noch die Gnaden ringsum waren, und die frommen Männer die

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