Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Jüdische Friedhofskunst
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 498 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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498 Erich Toeplitz: sie überschätzen jedoch auf jeden Fall das jüdische Abzeichen. Das Hexagramm findet sich zuerst mit anderen Bandverschlingungen als Wanddekoration einer galiläischen Synagoge etwa aus dem 3. Jahrhundert und ist ohne Zweifel gnostischen Ursprungs. Seine Wiedererstehung hatte es einer verwandten geistigen Strömung zu verdanken, der Kabbalah. Gänzlich unverständlich bleibt es, wie die rationalistische Zeit der Jahrhundertwende einen so übergroßen Gefallen an diesem geheimnisvollen Zeichen finden konnte. Auf Grabsteinen erscheint es um 900 in Italien, jedoch im Zusammenhang mit dem Namen David; ein Brauch, der selten nachgeahmt worden ist. Außer dem Kreuz finden wir auf nichtjüdischen Grabdenkmälern meist: bildliche Darstellungen religiöser, biblischer oder auf den Tod bezüglicher Szenen; auf jüdischen dagegen werden gemäß der spirituellen Geistesrichtung der Juden keine naturalistischen Wiedergaben der Umgebung, Vergangenheit oder Einbildung angebracht, sondern mehr oder minder stark abstrahierte, symbolische Zeichen. Zwei segnende Priesterhände bezeichnen den „Kohen", ein Waschgerät den „Leviten", die Krone bedeutet Gelehrsamkeit, Wohltun -oder Macht, es kommen also auch zwei oder drei Kronen vereint vor. Eine geknickte Rose erinnert an ein im zarten Jungfrauenalter beendetes Leben, ein zerbrochenes Licht an eine verstorbene Frau, ein gefällter Baum an einen Mann, der in den besten Jahren von hinnen schied usf. Zahlreich sind die Andeutungen auf die Namen, besonders der Tiere, auch auf die Hausmarken, die die Namen oft erst hervorriefen (Rothschild). Zuerst erscheint es einem etwas sonderbar, wenn man Adam und Eva völlig nackt unter dem Apfelbaum in unverfälschter Renaissanceauffassung oder einen Affen, ein Kamel und ähnliches auf dem oberen Zwickel eines jüdischen Grabsteines sieht. Nicht die Darstellung der biblischen Szene oder des fremdländischen Tieres ist beabsichtigt, vielmehr dient diese nur zur symbolischen Andeutung von Haus oder Namen. Da es sich zumeist um kleine Medaillons oder Schilder handelt, schließt der zur Verfügung stehende Raum eigentlich jede erzählende Wiedergabe von selber aus. Daß dieser Schmuck nicht von Palästina mitgebracht ist, dürfte ohne weiteres einleuchten. Im Altertum sind im eigenen Lande und auch in den exterritorialen Judensiedelungen auf den Steinen, den Wänden und Fenstern der Grabanlagen ganz abstrakt wiedergegebene Zeichnungen angebracht, so z. B. der Toraschrank, Lulaw und Esrog*), das Schofar**)» Ölkrüge, Palmbäume, Löwen, Vögel, Fische und siebenarmige Leuchter***)» Symbole, die dem überaus naturalistischen Schmuck der heidnischen Antike unähnlich waren und sich zur selben Zeit nur noch bei jüdisch beeinflußten Christengemeinden finden. Auf jeden Fall können wir feststellen, daß es eine selbständige „jüdische" *) Am Hüttenfest benutzte Pflanzen. *) Widderhorn, als Festtrompete benutzt. *) Damals scheinbar das Abzeichen der jüdischen Gemeinschaft.