Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Jüdische Friedhofskunst
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 497 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Friedhofskunst 497 nichts berechtigter Partikularismus, dem jede moralische Begründung fehlt; eine religiöse liegt bekanntlich nicht vor. Mag der Hinweis auf diesen Übelstand jüdischen Dichtern, evtl. auch den Rabbinen eine Anregung sein, eine Sammlung neuer, mustergültiger Grabinschriften herauszugeben; solange dies nicht geschehen ist, verweise ich auf die aus vergangenen Zeiten erhaltenen. Hebräische Texte sind natürlich in hebräischer Quadratschrift eingemeißelt oder weisen sie in erhabener Arbeit auf. Diese ästhetisch außerordentlich befriedigenden Zeichen gewähren einen besonderen „jüdischen" Reiz, den man doch nicht gar zu leichtfertig aufgeben sollte. Man braucht kein fanatischer Hebräist zu sein oder aus falsch verstandenem Glaubenseifer heraus jede deutsche Inschrift zu verdammen, wird aber doch zugeben müssen, daß Sprache und Buchstaben das Gepräge des Leichensteines beeinflussen. Glaubt man wirklich -die landessprachigen Inschriften nicht missen zu können, so sollten diese doch nicht zur Vorherrschaft gelangen, wie es leider heute in Deutschland der Fall ist. Eine Wandlung, die seinerzeit als ein bedeutender Fortschritt'gegen die Stimmen der am überlieferten Judentum Festhaltenden, oft sogar mit Gewalt durchgesetzt worden ist. Einen ähnlichen Vorgang bemerkten wir bereits bei der Betrachtung des Blumenschmuckes. Seine Buntheit stört nicht nur die Harmonie, sondern es ist auch eine Unwahrhaftigkeit, den wirklichen Zweck des Leichenfeldes durch bunte Gartenpflanzen zu vertuschen; ein Brauch, der dem alten Judentum fremd war und der aus dem christlichen Totenkult dank der Assimilationswut der rationalistischen Epoche auf den jüdischen übertragen wurde. Bisher waren wir den Spuren der schon bei der ästhetischen Wertung beachteten Unterschiede zwischen alter und moderner jüdischer Grabkunst gefolgt; vergleichen wir nun die älteren, jüdischen mit den nichtjüdischen Friedhöfen. Dort finden wir weder Gleichheit, noch Einfachheit der Abmessungen, wohl aber die des Materials, während die Grabinschriften sich inhaltlich und sprachlich gänzlich von denen der gleichzeitigen jüdischen Friedhöfe unterscheiden. Wer die bunten Blumen und Kränze vermißt, mag daran erinnert werden, daß die geschlossenen Friedhöfe längst nicht mehr gepflegt werden, da die Angehörigen, die dies besorgten oder bezahlten, längst dahingegangen sind. Hie und da zeugen ein paar verwilderte Blumen von vergangener Pracht, im übrigen aber machen die kahlen Grabstätten einen trostloseren Eindruck, als die von Efeu und wildem Wein umrankten. Die Natur tut schon das Ihre, um nach und nach alles in einen wild wuchernden Garten zu verwandeln; man pflanze also von vornherein nur etwas, was nicht dauernder Pflege von Menschenhand bedarf. Es haben sich nun bis auf das Material ziemlich große Unterschiede zwischen den alten jüdischen Begräbnisplätzen und denen der Umwelt feststellen lassen, ohne dabei nach religiösen Symbolen zu fragen. Die meisten Leser werden glauben, gerade an Kreuz und Hexagramm (Davidsschild) erkennten wir die Zugehörigkeit zur christlichen bzw. jüdischen Gemeinschaft;