Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 492 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101163-3101171-3105912--4399-3106003- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
492 Samuel Rappaport: Aus dem religiösen Leben der Ostjuden Wie schon bemerkt, haben auch die Zaddikim nicht wenig zur Vermehrung der Menge der Refuot und Segullot, sowie zu deren Verbreitung unter ihren Anhängern beigetragen. Der Begründer des Chassidismus.R. Israel Baal- Schern hat sich viel mit der Heilung von allerlei Kranken beschäftigt, wodurch er in erster Linie, dies ganz besonders in der ersten Zeit seines öffentlichen Auftretens, den Weg zum Herzen der breiten Masse gefunden hat. Seine Schüler und Nachfolger, sowie die meisten Zaddikim pflegen bis auf den heutigen Tag, natürlich neben und unbeschadet der Anordnungen der Berufsärzte, auch ihrerseits allerhand Refuot und Segullot gegen verschiedene Krankheiten den bei ihnen Segen und Beistand suchenden Chassidim zu empfehlen. Manche Zaddikim vermochten sogar, durch angeborenes Verständnis und langjährige im Kreise ihrer Anhänger erworbene Erfahrung — wird doch der Zaddik bekanntlich von der Erkrankung, Behandlung und dem Verlauf jedes bei seinen Anhängern vorkommenden Falles alsbald verständigt — sich ein derartiges reiches Wissen auf dem Gebiete der praktischen Heilkunst anzueignen, daß auch der behandelnde Arzt den Rat und die Weisungen des Zaddiks, [weil oft erprobt und gut bewährt, wohl oder übel nicht ganz ignorieren kann. Manche Zaddikim gelten beim Volke sowohl bezüglich ihrer eigenen originellen Refuot und Segullotwider ihnen eigentümlichen Verfahren bei bestimmten Krankheitskategorien als besonders ausgezeichnete Spezialisten auf diesem Gebiete, wobei aber zumeist ein wohltuender suggestiver Einfluß auf den Gang der Krankheit ganz vorzüglich in Betracht gezogen werden muß. In erster Linie handelt es sich in diesen Fällen um Gemütsstörungen und sonstige auf Basis verschiedener neurotischer Leiden entstandene Krankheiten. Die Kranken werden, wenn es nur angeht, zum Zaddik gebracht und bleiben hier einige Zeit, oft mehrere Wochen, hindurch täglich einige Stunden, gewöhnlich während des Betens, in seiner unmittelbaren Nähe, bis sie ganz oder nur teilweise geheilt nach Hause zurückfahren können. Man sieht mitunter Leute aus der Großstadt, die sonst nichts weniger als Chassidim sind und gar keinen religiösen Lebenswandel führen, mit kranken Angehörigen zum Zaddik wallfahrten, kindisch gläubig um seinen Segen und Beistand flehen wie nicht minder allen seinen Anordnungen unbedingt und vorbehaltslos sich fügen. Die Nähe des Zaddik wirkt mitunter geradezu Wunder. Die hervorragende therapeutische Bedeutung der zielbewußten Suggestion, ein unbedingt gläubiges Medium vorausgesetzt, kann im Zimmer des Zaddiks einwandfrei beobachtet worden*). Man sieht oft *) Vielleicht ist auf die gewaltige Kraft der Suggestion auch folgende einwandfrei feststehende Tatsache zurückzuführen: £Mein Großonkel R. Jizchak Mendel Safier bekam vor etwa 80 Jahren als junger Mensch von dem berühmten Zaddik R. Meier aus Przemyslany einen Garantiebrief, daß er hundert Jahre' leben werde. Mein Großonkel zweifelte sein Leben lang auch nicht einen Moment an der Erfüllung der Zusage des von ihm abgöttisch verehrten „Rabbi Meiert" und tatsächlich' starb er auch am Ende seines neunundneunzigsten Lebensjahres. Den Garantiebrief des R. Meiert trug er zeit seines Lebens auf seiner Brust.