Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 493 (sequence 14)
- Language
- German
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Erich Toeplitz: Jüdische Friedhofskunst 493 wildtobende Geisteskranke oder sonst vor sich hinbrütende Melancholiker unter dem Blick des Zaddiks oder beim Anhören seines Gebetes sich beruhigen, aufheitern und nach einiger Zeit ganz oder teilweise geteilt zu den Ihrigen nach Hause zurückkehren. Der Anblick-des geheilt heimgekehrten Kranken erhöht beim Volke den Ruhm des Zaddiks als heiligen Wundertäters und vermehrt die Zahl seiner Bewunderer und Verehrer. Mitunter kehren Familien, die bisher keinen religiösen Lebenswandel geführt hatten und deren kranke Angehörige durch den Zaddik geheilt worden waren, unter dem Einfluß des selbsterlebten „Wunders" zur fromm-tradionellen Lebensart zurück. Manche Zaddikim geben den ihren Segen und Hilfe aufsuchenden Kranken neben sonstigen „Refuot" und „Segullot" allerlei Gegenstände, wie Münzen oder Amulette (Kmiot) usw., die die Kranken bei sich tragen, oder gar kleine Kuchen, Mandeln, Nüsse, Bonbons, die sie bei einer, vom Zaddik bestimmten Gelegenheit verzehren sollen. Die Art und die Zahl der älteren überlieferten, wie der neueren, stets in Vermehrung begriffenen Refuot und Segullot ist derart groß, daß man ihre Menge heut kaum auch nur annähernd zu übersehen vermag. Wenn auch mit dem Umsichgreifen und Fortschreiten der Aufklärung wie nicht minder durch die immer fortschreitende Würdigung und den Einfluß der diplomierten Ärzte, die Bedeutung der Refuot und Segullot bei weitem nicht mehr so hoch wie früher gewertet wird und an Popularität schon beträchtlich viel eingebüßt "hat: ganz verdrängt sind sie noch immer nicht. Bei der breiten frommen, abseits von der modernen Kultur lebenden Masse des Ostjudentums und ganz besonders bei den Chassidim werden sie, insbesondere bei der Krankenbehandlung, noch immer, neben den vom Arzte angeordneten Mitteln, sehr hoch geschätzt und als heilkräftig anerkannt. ERICH TOEPLITZ I JÜDISCHE FRIEDHOFS¬ KUNST Die gräberreiche Kriegszeit hat uns zahlreiche Arbeiten über die Friedhofskunst beschert, in denen fast immer die jüdischen Begräbnisplätze rühmend hervorgehoben und nicht selten jüdische Grabsteine unter den Musterbeispielen abgebildet werden. Vielleicht ist dem eifrigen Leser dieser Literatur schon aufgefallen, daß es sich dann um jüdische Arbeiten lediglich aus der Zeit vor hundert Jahren handelt, während doch vorbildliche nichtjüdische auch aus jüngster Zeit angeführt werden. Sollten die modernen jüdischen Grabzeichen nicht des Erwähnens wert sein?