Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 490 (sequence 11)
- Language
- German
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490 Samuel Rappaport: borenes Kind zu begraben. Noch heute ist es im Orient Sitte, Blut von Ziegen und Schafen, um „den Herrn des Platzes zu versöhnen", über Schwellen und Türpfosten rinnen zu lassen. (Religion in Geschichte und Gegenwart Bd. IV, S. 292. — Gressmann, Altorientalische Texte und Bilder zum Alten Testamente Bd. II, S. 53.) Bei vielen ostjüdischen Kaufleuten und insbesondere kleineren Krämern sieht man auf der Schwelle der zum Geschäfte führenden Eingangstür alte, größere und kleinere Hufeisen angeschlagen. Ein altes Hufeisen auf der Schwelle bringt Glück ins Geschäft Allerdings kann man solche Hufeisen auch auf manchen Schwellen der, im Osten relativ nicht zahlreichen, nichtjüdischen Geschäfte bemerken. Die erste Lösung, die manch ostjüdischer Kaufmann morgens, wie überhaupt jedes erste Geld, das er von irgend einem Geschäfte einnimmt, wird von ihm als glückbringende Segullah — möglich auch zur Abwehr eines „bösen Blicks" (ajin hara) — dreimal angehaucht. Bei einem größeren Geldempfang aus einem Geschäft wird dem Käufer, der das Geld erlegt, ein kleiner Betrag als Segullah „auf Glück" — daß er an der gekauften Ware viel verdiene — zurückgegeben usw. Unter den für die verschiedenen Momente und Ereignisse des Lebens bestimmten Segullot sind diejenigen, die bei Krankheitsfällen speziell in Betracht kommen, von ganz besonderer Bedeutung und Wertschätzung, was schon in der Natur der Sache selbst — Rettung bzw. Erhaltung des Lebens — genügend begründet erscheint. Schon seit alter Zeit nehmen die Segullot neben den natürlichen Heilmitteln im Judentum einen verhältnismäßig sehr breiten Raum ein. Nicht nur die Pflege der jeweilig geltenden, wissenschaftlichen Therapie, sondern auch die Kenntnis und Übung der mit mystischgeheimnisvollen Kräften operierenden Segullot ist im Judentum sehr alt. Während jedoch der Talmud die auf wissenschaftlicher Basis gegründete Heilkunst anerkennt und ohne Vorbehalt empfiehlt — waren doch viele talmudische Weisen, so z. B. Samuel und andere, als wissenschaftlich gebildete Ärzte rühmlichst bekannt und konsultiert — wurde andererseits die Verwendung von allerlei Geheimmitteln wegen ihres zum großen .Teil heidnischen Charakters und trüben Ursprunges als „Darke Emari" (==Wege bzw. Gebräuche der Ammoriter) d. h. als schon durch die Bibel streng verbotene Zaubermittel bekämpft und geahndet. (Tr. Sabbat 67 B. Tosifta Tr. Sabbat Abschn. 7 usw.) Im Laufe der Zeit jedoch und wahrscheinlich auch mit Rücksicht auf die im Volke fest eingewurzelten Sitten und Bräuche wie nicht minder in Hinsicht auf die nun schon einmal der menschlichen Natur innewohnende Eigenart, besonders wenn es um Behandlung von Kranken zu tun ist, von altempfohlenen und gutbewährten Mitteln nicht zu lassen, dies umsomehr, als deren ursprünglich unjüdisch-heidnischer Charakter längst verwischt und vergessen war, wurde der Grundsatz aufgestellt, daß „alle Dinge überhaupt, die als Heilmittel in Öetracht kommen, nicht als verbotener Zauber anzusehen sind". (Tr. Sabbat 67 A.)