Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1920-01-01 · Heft 8-9 · p. 489

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 8-9
Article
Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
Date
1920-01-01
Page
489 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3101111-3101163-3101171-3105912--4396-3106000
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

ihre Heilkraft einbüßen. Sooft der Kranke ein Heilmittel zu sich nimmt oder sich einer sonstigen therapeutischen Prozedur unterzieht, rufen ihm die Anwesenden, und ganz besonders derjenige, der ihm das Heilmittel reicht, zu: „Es soll sein zu einer Refuah schelejmah" (= vollkommenen Genesung). Eine nicht zu unterschätzende Bedeutung bei der Krankenbehandlung haben neben den „Refuot" auch die sogenannten „Segullot". (Segullot Plural vom hebräischen „Segullah" Eigentum, Besitz; hier in der Bedeutung: besondere, ungewöhnliche, unter bestimmten, verschiedenartigen Umständen und Fällen in Anwendung zu bringende Mittel.) Die inneren geheimnisvollen Kräfte der Segullot stehen außerhalb eines jeden sichtbar-natürlichen kausalen Zusammenhangs mit dem Objekt, auf welches sich ihre Wirkung erstrecken soll. Ihr Wesen und Einfluß entstammen übernatürlichen Regionen. Ihre Wirkung offenbart sich, unter glücklichen Umständen, bloß äußerlich dem menschlichen Auge; ihr unmittelbarer innerer Zusammenhang jedoch, ihr Wesen bleibt der menschlichen Erkenntnis entrückt. Die Segullot sind teils von positiver und teils von negativer Wirkung. Sie vermögen einen schweren unerwünschten Zustand zu beseitigen und zum Besseren zu wenden, oder überhaupt in sonst nicht schlechter Situation Ersehntes herbeizuführen oder gar auch einem Unglück oder sonstigem bösen und befürchteten Geschick ganz vorzubeugen und es hintanzuhalten. Das Gebiet der Segullot grenzt mitunter an den Nebel des profanunjüdisch Zauberhaften, zu allermeist an das Dunkel des mystisch Religiösen. Sie vermögen bange und verschreckte Gemüter zu besänftigen und ruhig zu stimmen, sowie in Momenten der Resignation und Verzweiflung — so z. B. bei schweren Krankheitsfällen, wo alle natürlichen Mittel versagen — einen hoffnungsvollen Ausblick auf aus höherem geahntem, und empfundedenem Ursprünge zu gewärtigende Hilfe und Rettung zu gewähren. Für sehr viele Momente und Handlungen des täglichen Lebens, wie z. B. Familienleben, Erwerbstätigkeit u. dgl. sind mannigfache Segullot vorhanden. Sie sind zumeist auf älteren oder jüngeren spezifisch jüdischen, mitunter aber auch auf nichtjüdischen, in einzelnen Fällen sogar auf altheidnischen Ursprung zurückzuführen. So z. B. ist bei der jüdischen Masse im Osten sehr stark folgender Brauch verbreitet: eine Fledermaus, die am Abend in ein Geschäft oder in ein Haus hereinflattert, wird unter allen Umständen, und wenn es die größte Mühe kosten sollte, eingefangen und mit einer goldenen Münze geschlachtet — es muß dies aber unbedingt eine Goldmünze sein — und hierauf unter der Schwelle der Eingangstür begraben. Es ist dies — allerdings eine profane — Segullah, die Glück in das Geschäft bezw. Haus bringen soll. Dieser groteske und uns so befremdende Brauch erinnert jedoch lebhaft an eine — wie die neueren Ausgrabungen in Teil el- Mutesselim (Palästina) beweisen — im uralten vorisraelitischen heidnischen Kanaan sehr verbreitete Sitte, unter dem Fundament eiriSs neuerbauten Hauses zur Beschwichtigung des Hausgeistes ein neugeborenes oder totge-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.