Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 487 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus dem religiösen Leben der Ostjuden 487 Städten den Ortsrojfe wegen dessen Beliebtheit beim Volke als Gehilfen engagieren, ihm gewisse Leistungen am Krankenlager übertragen, um auf diese Weise durch die Empfehlung des Rojfe sich Popularität und das Vertrauen der Masse zu sichern. Neben den vom Arzt angeordneten Heilmitteln sind noch heute im Osten beim Volke unzählig viele sog. Hausmittel bei Behandlung von Kranken im Gebrauch. Ihre Anwendung wird dem Arzt stets verheimlicht, da Ärzte immer für derlei Dinge, wie man im Volke meint, kein Verständnis hätten, und man von ihnen, würde man ihnen gegenüber solche Mittel erwähnen, ausgelacht würde. $ Seit Jahrhunderten sind die sog. Hausmittel mit angeblich verbürgtem gutem Erfolge im Gebrauch. Sie leben noch bei unzählig vielen Familien, gleichsam als Tradition, in gutem Andenken, werden von den Ahnen auf Generationen vererbt und es ist nicht leicht, sich von ihnen zu emanzipieren. In der Stunde der Not, im Krankheitsfalle läßt man übrigens auch so manches nicht ungern gewähren, was man, solange man gesund ist, als „alter Weiber Narreteien" skeptisch belächelt. Könne man ja nicht wissen, ob nicht auch diesen Mitteln, so lächerlich und veraltet sie auch erscheinen mögen, irgend welche geheime Heilkraft innewohnt, obzwar sie vom Rojfe oder Arzt als barer Unsinn bezeichnet werden, oder ob nicht Gott gerade durch solch ein außergewöhnliches Heilmittel die richtige „Refuah" (Genesung) schicken wolle. Die Menge dieser Hausmittel ist fast unübersehbar. Viele von ihnen sind allgemein verbreitet und oft auch sehr alten Datums. Manche davon sind jedoch nur in gewissen Gegenden oder bloß in einzelnen Städten oder gar nur in einzelnen Familien seit langer Zeit heimisch, so daß manche Gegenden bzw. Städte und Familien sozusagen ihre eigenen Spezialhausmittel besitzen. Alle Hausmittel, die in Krankheitsfällen zur Verwendung in Betracht kommen, werden schlechtweg als „Refuot" (Plur. vom hebräischen „Refuah" Heilung) bezeichnet. Man versteht darunter fast immer altempfohlene, im häuslichen Gebrauch stehende natürliche profane Heilmittel, denen eine mehr oder weniger bewährte und anerkannte Heilkraft im Volke zugeschrieben wird. Viele dieser Refuot stammen aus der Medizin vergangener Jahrhunderte und sind zumeist von der modernen Wissenschaft längst überholt, manche sind jüngeren Datums und erweisen sich im Gebrauch als gut und bewährt; es gibt aber unter ihnen auch solche, die zwar sehr beliebt und sehr verbreitet sind und gleichfalls zu den „Refuot" gezählt werden, die aber mehr den Stempel des Aberglaubens als den einer Medizin tragen. In gewissen Gegenden ist z. B. der Brauch verbreitet, im Zimmer, wo ein Kranker, dessen Leiden chronisch geworden ist, sich aufhält, lebende Kaninchen zu halten und zu pflegen, da solche die Eigenschaft besitzen "sollen, die Krankheit des mit ihnen im selben Zimmer sich aufhaltenden Menschen sozusagen in sich aufzusaugen und ihn davon zu befreien oder sie ihm wenigstens leichter zu machen. Zu den eigentümlichsten und besonders merkwürdigen „Refuot" 32*