Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 486 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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486 Samuel Rappaport: Der Rojfe holte sich sein Wissen gewöhnlich als Gehilfe bei einem anderen bereits alterfahrerien Rojfe sowie, insofern sein Können es zuließ, aus allerlei hebräischen und eventuell auch profanen medizinischen Büchern*). Er verstand die Nutzanwendung von allerlei Heilkräutern, bereitete selber Elixiere, Salben usw. und verstand zumeist auch Rezepte für die Apotheke zu verschreiben. Zu seiner Tätigkeit gehörte übrigens auch das noch heute, im Osten sehr in Übung stehende sog. „Blutegelstelkn", Schröpfen („Bankistellen"), - Aderlassen, wie mitunter auch das Barbieren. Der Rojfe stand noch bis in die letzte Zeit in den kleinen Provinzstädten bei der breiten Masse in hohem Ansehen, und noch heute hört man nicht selten im Osten Wunderdinge von der Tüchtigkeit und dem Können mancher Rojfim aus früheren Jahren erzählen, unter denen viele gewesen sein sollen, „die viel mehr von der Heilkunst verstanden hätten, wie alle - heutigen berühmten Professoren zusammen". Die ersten diplomierten Ärzte, die sich im Laufe des vergangenen Jahrhunderts im Osten und ganz besonders in den kleineren Städten niederließen, hatten sehr oft keinen geringen Kampf mit der Konkurrenz des alteingesessenen und seit Jahren überall gut eingeführten Ortsrojfe zu bestehen. Die breite Valksmasse brachte dem durch die langjährige Erfahrung erworbenen reichen Wissen des Rojfe mehr Vertrauen entgegen, als dem noch ungeübten, zumeist erst von der Schulbank gekommenen jungen „Doktor". Der Doktor pflegte noch dazu die vom Rojfe eingeführten, seit Jahren mehr oder weniger gut bewährten Heilmittel nicht nur als veraltet und wertlos zu bezeichnen, sondern in einzelnen Fällen sogar, aus berechtigten oder nicht ganz berechtigten Gründen, als gesundheitsschädlich zu verwerfen. Erst allmählich und schrittweise konnte es den diplomierten Ärzten gelingen, den Rojfe aus seiner früheren alleinherrschenden Stellung ganz oder nur teilweise zu verdrängen. In vielen kleineren Städten des Ostens finden wir den Rojfe noch immer, aber zumeist bloß noch als Gehilfen des Arztes oder als dessen Vertreter bei manchen Handlungen, wie z. B. Verbandwechseln, „Halsausspritzen", Blutegelstellen usw. Der Rojfe hat heute noch am Krankenlager die Tätigkeit der im Osten noch wenig populären Krankenschwester. Bei vielen leichten Krankheitsfällen sucht noch heute immer in vielen Gegenden die breite Volksmasse Rat und Hilfe beim Rojfe mit vollständiger Umgehung des Arztes. Es kommen auch Fälle vor, daß neu sich niederlassende Ärzte in den kleineren *) In der Universitätsbibliothek zu Leipzig soll, wie mir mitgeteilt wurde, eine ziemlich alte Handschrift medizinischen Inhalts sich befinden, die in polnischer Sprache verfaßt und mit hebräischen Buchstaben geschrieben ist. Der unbekannte Verfasser scheint ein jüdischer Rojfe aus Polen gewesen zu sein, der augenscheinlich der hebräischen Sprache nicht mächtig genug war, um sich ihrer bei der Niederschrift seines Buches bedienen zu können; polnisch hingegen verstand er, wie es scheint, gut zu sprechen, aber nicht zu schreiben. Er sah sich nun, wie ich vermute, aus diesem Grunde veranlaßt, sein Buch in der ihm im Umgange geläufigen polnischen Sprache zu verfassen und mit den ihm gewohnten hebräischen Buchstaben niederzuschreiben.