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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 8-9 · p. 485

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Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 8-9
Article
Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
Date
1920-01-01
Page
485 (sequence 6)
Language
German
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IRI
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Aus. dem religiösen Leben der Ostjuden 485 hatten. Verbietet es ja sogar eine alte jüdische Tradition, in einer Stadt zu leben, wo kein Arzt sich aufhält, da dadurch im Erkrankungsfalle Menschenleben in Gefahr kommen können (Tr. Sanhedrin 17B. Jeruschalmi Tr. Kidduschin Absch. 4). Die Juden sind es auch, die den Arzt erhalten, da die nichtjüdische Bevölkerung im. Osten, und ganz besonders auf dem Lande, relativ nicht viel die Hilfe des Arztes in Anspruch nimmt, und in Krankheitsfällen sehr oft nur von alten Weibern empfohlene primitive Heilmittel in Anwendung bringt. Solche Mittel werden übrigens, neben den vom Arzte angeordneten, auch mitunter von manchen, zumeist den niederen, unwissenden Schichten des flachen Landes angehörenden Juden als sog. „Babski Refuot" (Altweiber-Heilmittel) in Verwendung gebracht. Neben dem diplomierten Arzt befindet sich noch überdies in den meisten kleineren Gemeinden-ein sog. „Rojfe" (= Rofe), d. h. Arzt. In diesem Falle bezeichnet der Name einen nichtstüdierten Arzt. Der studierte bzw. diplomierte Arzt wird „der Doktor" genannt. In früheren Zeiten, bevor noch die diplomierten bzw. studierten Ärzte gekommen waren, galt der Rojfe im Orte als die allgemein anerkannte medizinische Autorität, deren Rezepte und sonstigen Anordnungen man als maßgebend und wissenschaftlich einwandfrei anerkannte und auch in Anwendung zu bringen pflegte. Der Rojfe war in der Regel Autodidakt. Ein innerer Drang und angeborenes Interesse für medizinisches Wissen trieb ihn zur praktischen Betätigung der Heilkunst, in der er mit größerem oder minderem Erfolg seinen Lebensberuf zu finden pflegte. Die „Rojfim" (Plural von Rojfe) gehörten zumeist der Kategorie der sog. Aufgeklärten, d. h. mehr oder weniger weltlich Gebildeten, an; im jüdischen gelehrten Schrifttum wußten sie, mit wenigen Ausnahmen, zumeist nicht viel Bescheid, da sie sich fast immer schon im jugendlichen Alter für ihren künftigen Beruf vorzubereiten pflegten. t Sie erfreuten sich wegen ihres Ernstes und ihrer Gewissenhaftigkeit der allgemeinen Achtung, und Wertschätzung. Nicht nur bei Juden, sondern auch bei den besseren nichtjüdischen Ständen, beim niederen wie höheren polnischen Adel, wie nicht minder beim Klerus wurde der jüdische Rojfe sehr hoch gewertet, und alle überließen sich im Bedarfsfalle vertrauensvoll seiner ärztlichen Behandlung und Fürsorge. Der Beruf des Rojfe war fast ein ausschließlich jüdischer, wie überhaupt schon im Mittelalter der ärztliche Beruf in den meisten Kulturländern als ein fast jüdisches Privileg angesehen zu werden pflegte. Viele jüngere und ältere historische Urkunden wissen viel von allerlei Verhetzungen und Verleumdungen zu erzählen, mit deren Hilfe nichtjüdische Ärzte aus purem Brotneid ihre jüdischen Kollegen von den nichtjüdischen Häusern zu verdrängen gesucht hatten. Es gelang ihnen« trotzdem niemals, das Vertrauen, das die nichtjüdische Bevölkerung den jüdischen Ärzten entgegenbrachte, zu erschüttern. Heft 8/9. 32

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