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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 8-9 · p. 484

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 8-9
Article
Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
Date
1920-01-01
Page
484 (sequence 5)
Language
German
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484 Samuel Rappaport; Aufenthaltsortes des Kranken wohnenden Arztes, insofern es einen, solchen heranzuziehen geboten erscheint, fällt bei Chassidim in erster Linie die Meinung des Zaddiks ins Gewicht. Bei jeder Erkrankung wird von ihnen, bei besonders schweren Fällen auch von manchen Mitnagdim, der Zaddik um Segen und Fürbitte sowie auch um Rat bezüglich eines zu konsultierenden hervorragenden Arztes angegangen. Die Zaddikim! haben immer auf ihrer Liste mehrere Namen bedeutender jüdischer wie nichtjüdischer ärztlicher Kapazitäten aus den größeren Städten — der Zaddik hat gewöhnlich seinen Wohnsitz in einer kleinen Provinzstadt —, deren Heilkunst sie ihr Vertrauen schenken und die sie im Bedarfsfalle ihren Anhängern zur Konsultierung empfehlen. Die Gunst und Anerkennung von Seiten eines Zaddik bedeutet, von der praktischen Seite gesehen, eine, nicht geringe Ziffer in der Einnahmenrubrik eines jeden mehr oder weniger hervorragenden Arztes. So mancher Arzt verdankt seine Popularität und ausgedehnte Praxis nicht in letzter Linie der Gewogenheit und der Anerkennung des Zaddiks. Der gläubige Chassid bringt dem vom Zaddik empfohlenen Arzte, als dem von Gott zur Überbdngung der Heilung gesandten Boten, sein ganzes Vertrauen entgegen. Den allermeisten Ärzten, Juden wie Nichtjuden, ist an der Gunst der Zaddikim sehr viel gelegen und sie suchen sie alle, schon aus den oben erwähnten Gründen, nach Möglichkeit zu gewinnen. Es ist deswegen im Osten allgemeiner Brauch, daß Ärzte, die auf jüdische Praxis reflektieren — viele hervorragende ordinierende Universitätsprofessoren in Österreich und Deutschland inbegriffen — sämtliche Zaddikim, deren Familienangehörige, ihr Personal wie auch sonstige Rabbiner bei Erkrankung ganz unentgeltlich behandeln. Mir sind sogar Fälle bekannt, wo sehr bedeutende, auch nichtjüdische, ordinierende Universitätsprofessoren, die sonst ihren ärztlichen Rat sich sehr teuer bezahlen lassen, weite und sehr beschwerliche Reisen an das Krankenlager so manchen Zaddiks unternommen hatten und hierfür keineswegs irgendwelches Honorar entgegennehmen wollten. Manche Zaddikim pflegten den sie oder ihre Angehörigen behandelnden Ärzten, nachdem diese nun einmal von ihnen kein Honorar nehmen wollten, nach günstigem Ausgange der Krankheit, aus Dankbarkeit und Anerkennung schöne, oft kostbare Geschenke zukommen zu lassen. Solche Geschenke werden von den Ärzten mit besonderer Aufmerksamkeit verwahrt und bei Gelegenheit auch Patienten aus chassidischen Kreisen mit Stolz gezeigt. Unbemittelte Kranke, die vom Zaddik dem Arzte empfohlen werden, erhalten in der Regel von ihm gleichfalls unentgeltlich Rat und Beistand. Seit der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts und der immer wachsenden Zunahme des Universitätsstudiums gibt es fast in jeder Gemeinde des Ostens einen diplomierten Arzt. In kleineren Gemeinden, wo noch in letzter Zeit kein diplomierter Arzt vorhanden war, waren es immer die ortsansässigen Juden, die für die Niederlassung eines solchen Sorge getragen

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