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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 8-9 · p. 483

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Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 8-9
Article
Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
Date
1920-01-01
Page
483 (sequence 4)
Language
German
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IRI
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Aus dem religiösen Leben der Ostjuden 483 Arzt ist, desto höher ist seine Würdigkeit, Bote Gottes zu sein, anzuschlagen, Im Osten ist sogar in vielen Kreisen der Glaube verbreitet, daß der für die Heilung Kranker bestimmte Engel Rafael (Midrasch Rabbah Bamidbar 2) den hervorragenden Arzt begleite. Der Ostjude legt viel Gewicht darauf und unterläßt es nicht, insofern es ihm nur irgendwie möglich ist, sobald ihm die Krankheit nicht ganz harmlos erscheint, die ihm erreichbaren bedeutenden medizinischen Autoritäten zu Rate zu ziehen. Wenn Zustand und Mittel es ihm gestatten, scheut er nicht die oft beschwerliche und mühsame Reise in die Großstadt, um dort einen bedeutenden „Professor" zu konsultieren. Kann der Patient mit Rücksicht auf den körperlichen Zustand eine Reise nicht mehr unternehmen, so wird* wenn die Mittel nur irgendwie aufgebracht werden können, der „Professor" aus der Großstadt an das Krankenlager berufen. Natürlich geschieht letzteres nur, wenn der Zustand des Kranken bedenklich erscheint. Um in solchem Falle den Kranken über die Bedenklichkeit seines Zustandes hinwegzutäuschen, erzählt man gewöhnlich, der Professor sei zu einem anderen Kranken in diese Stadt berufen worden und da habe man ihn, die Gelegenheit benützend, obzwar keine Notwendigkeit vorliegt, auch um Besuch und Rat gebeten. Wie schon früher bemerkt, kennt der Ostjude keine Schranken und scheut keine Opfer, wenn es gilt, einen Kranken in der Familie zu retten. Ist alles Bargeld schon aufgezehrt, dann werden selbst Gegenstände und Familienstücke, von denen man sich nur sehr schwer trennt, wie z. B. der Schmuck der Frau — den jede jüdische Frau im Osten, selbst die ärmste, besitzt — leichten Herzens verpfändet oder sogar veräußert und für die Rettung des Kranken verausgabt. Nicht selten kommt es vor, daß sonst wohlhabende Familien infolge der Krankheit eines ihrer Mitglieder vollständig verarmen und ohne alle Mittel bleiben und dabei in keinem Falle die ungeheuren Opfer beklagen oder bedauern; denn wenn die Mühe von Erfolg war und der Kranke geheilt sein Lager verläßt, dann erscheinen die Opfer, und waren sie noch so groß, gewiß angebracht, im entgegengesetzten Falle dagegen, d. h. wenn die Opfer vergebens waren und der Kranke gestorben ist, bleibt noch immer den Hinterbliebenen das beruhigende tröstende Bewußtsein, keine Mittel, die nur im Bereich ihres Könnens gelegen waren, zur Rettung des Kranken verabsäumt zu haben. „Es war so von Gott beschert" — heißt es gewöhnlich in solchem Falle —; „der Verstorbene hatte keine Jahre mehr, um weiter zu leben. Der Baschefer (= Schöpfer) hat es so gewollt und seinem heiligen Willen muß sich der sündige Mensch in Demut fügen." Die Wartezimmer und klinischen Ambulatorien vieler hervorragender medizinischer Kapazitäten des Ostens, wie nicht minder Österreichs und Deutschlands zeigen die relativ hohe Anzahl von reichen und armen Ostjuden, die Rat und Heilung beim „großen Professor" suchen. Bezüglich der Wahl eines bedeutenden ^auswärtigen, d. h. außerhalb des

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