Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 482 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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482 Samuel Rappaport: der Baum keine Früchte trägt, wenn auch der Mensch nicht seinerseits die Hand dazu legt, indem er den Boden pflügt, düngt und besät. Gott verlange eben das emsige Mittun und die fleißige Mitarbeit des Menschen. Ohne menechliches Hinzutun würde die Erde wüst und unfruchtbar bleiben und die so herrliche Früchte tragenden Bäume würden samt und sonders verdorren. Auch der Arzt, dem Landmann gleich, habe die große Pflicht, seine Kräfte in den Dienst der leidenden Menschen zu stellen und ihnen zur Wiedergenesung zu verhelfen (Midrasch Rabbah, Schemot 4. Midrasch Temurah 2 [abgedruckt in Jellineks Bet ha Midrasch I]. Tr. Berachot 60 A). Diese Legende gewinnt um so mehr an Bedeutung, wenn man bedenkt, daß es unter den Ostjuden, allerdings bloß vereinzelt und selten, manche fanatische und weltfremde Individuen gegeben hat, die im Erkrankungsfalle sich hartnäckig weigerten, einen Arzt zu sich zu lassen bzw. Arzneien jeder Art einzunehmen, und überhaupt jede menschliche Hilfe zurückwiesen, fromm und ergeben ohne Murren ihre Schmerzen trugen und die Entscheidung über den Ausgang ihrer Krankheit dem von menschlichem Eingreifen freien, unmittelbaren Wirken Gottes überließen. Es kostete oft viel Mühe, Flehen und Bitten, bis es den Angehörigen eines solchen Kranken gelang, ihn zu bewegen, daß er einen Arzt zu rufen gestatte bzw. daß er die von diesem angeordneten Medikamente zu sich nehme. Solche Fälle gehörten aber doch immer zu den Seltenheiten und waren in den letzten Zeiten wohl nur noch sporadisch in vom Weltgetriebe weit entlegenen Orten zu treffen. In der Regel sucht jeder auch noch so fromme und tiefgläubige Ostjude im Erkrankungsfalle die Hilfe des Arztes und fügt sich dessen Anordnungen, selbst wenn diese mit religiösen Vorschriften nicht in Einklang zu bringen sind, im Interesse der Wiedererlangung der Gesundheit ohne jedes Bedenken. „Medizin ist nicht trefe" (= verbotene Speise) lautet ein geflügeltes Sprichwort im Osten. Die Heranziehung des Arztes zur Behandlung des Kranken erscheint nun, schon mit Rücksicht auf den frommen Zweck — die Rettung menschlichen Leibens — vom religiösen Gesichtspunkte aus nicht nur berechtigt, sondern sogar geboten. Der Arzt jedoch, und mag er noch soviel durch sein Wissen und Können bedeuten, vermag von sich aus dem Kranken, ohne höhere Eingebung, nicht zu helfen. Er ist im eigentlichen Sinne bloß der berufene Bote, durch den Gott dem vor ihm würdig erscheinenden Kranken die gewünschte Genesung schickt. Bei allen Erscheinungen nämlich bedient sich Gott eines Vollstreckers seines heiligen Willens. Am Lager des Kranken hat der Arzt die Aufgabe des Boten (= „Schaliach") Gottes. Will Gott, daß der Kranke genese, erleuchtet er seinen „Schaliach", d. h. den Arzt, daß er die zum guten Erfolge führenden Heilmittel in Anwendung bringe. Nicht zu unterschätzen ist aber in jedem Falle die Persönlichkeit und Würdigkeit des behandelnden Arztes. Je hervorragender und bedeutender ein