Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Ein pädagogisches Forschungs-Institut in Palästina
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 476 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101163-3101171-3105911--4382-3105987- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
476 Siegfried Bernfeld: daß das Institut sich allen Schematisierungsversuchen, die etwa in Zukunft noch stärker auftreten mögen, als es heute schon beginnt, bis zu einem gewissen Grade widersetze. Es muß eine gewisse Freiheit der Methoden und Einrichtungen, den Lehrern und Organisatoren im Lande gegeben sein, soll nicht alles Bemühen in der uniformierten Unzulänglichkeit des Abendlandes ersterben. Aber solche Versuchsstätten und Versuchsschulen müssen unter der wissenschaftlichen Kontrolle des Instituts stehen, sie vor allem und nachhaltiger als andere, damit sich erweise, was törichter und verderblicher Einfall, was an einem Ort oder bei einem Menschen zulässig, aber nicht maßgeblich für einen weiteren Kreis, und schließlich, was wertvolle Neuerung von Bestand ist. Gilt dies alles auch allgemein, so dennoch insbesondere für die Erziehung zur Arbeit und zur Gemeinschaft. Wohl wird, nicht erst seit neuestem, aber eben jetzt besonders viel, von Arbeitsschule, Arbeitsunterricht u. dgl. in Europa und allerorts sehr viel gesprochen und nicht Unbeträchtliches getan, aber aus vielerlei Gründen doch nicht das Entscheidende.*) Noch gibt es trotz mancher Verwendung der Arbeit im Unterricht keine systematische Erziehung zu ihr, keinerlei Methodik der beruflichen Vorbildung, keinerlei fundierte Erkennung und Beeinflussung der Begabung, ja der einfachen Eignung zu einer wirtschaftlichen Tätigkeit. Wenigstens keinerlei auf empirischer Erkenntnis gegründete Praxis. Alles ist dem Zufall und den Bedürfnissen einer planlosen Konkurrenzwirtschaft anheimgegeben. Auf diesem Gebiet fehlt noch jede primitive Grundlage, und doch ist es für unsere Erziehung, für unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft schlechthin Anfang und Grundlage. Gerade hier wird das Institut von Grund auf und' eifrig zu schaffen haben; und gerade hier wird sich zeigen, ob es mehr, ob es sozial Bedeutsameres zu leisten vermögen wird, als kleine Verbesserungen am Schulwesen der höheren Stände oder im luftleeren Raum wachsende Theoreme. Daß Sozialismus mehr ist, als eine bestimmte oder auch sehr unbestimmte Wirtschaft, daß er überdies auch eine Sache des Geistes und der Seele und darum der Jugend und der Erziehung ist, weiß man in Erez Israel gewiß lebendiger als sonstwo. Daß dies bessere Wissen aber nicht verloren gehe in zweifellos bevorstehenden Kämpfen um die Wirtschaft, in den zweifellos bevorstehenden Zeiten bitterer wirtschaftlicher Not, wird an seinem bescheidenen Teil auch Aufgabe des Instituts sein. Zwar nur indirekt, aber nachdrücklich wird es dahin zu wirken haben, indem es die Grundsätze der Erziehung zur wahren Gemeinschaft zu erforschen sich von Anfang an wird bereitfinden müssen; indem es aus den Erfahrungen der neuen Erziehungsanstalten in Europa und Amerika, die in ihrer Heimat tausendfach angefochten und bedrückt werden, eben wegen des neuen Gehalts ihrer Organisationsform, wegen des neuen Geistes im Verkehr der erwachsenen und unerwachsenen Menschen *) Vergleiche zu diesem Punkt den Aufsatz von Erwin Kohn „Entwurf einer Arbeitsgemeinschaft für wissenschaftliche Wirtschaftserziehung" im nächsten Heft dieser Zeitschrift und dessen ausführliche Arbeit „Wirtschaftser2iehung".