Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Ein pädagogisches Forschungs-Institut in Palästina
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 475 (sequence 11)
- Language
- German
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Ein pädagogisches Forschungs-Institut in Palästina 475 jener, gewiß aber in nachdrücklicher Weise. Das unterscheidende Erkennungsmerkmal für die soziale Gesinnung eines pädagogischen Forschungsinstitutes ist aber, was es arbeitet und wie es arbeitet, um Produktivierung und soziale Gemeinschaft durch Erziehung zu erzeugen. Somit können wir die Darstellung der Aufgaben fortsetzen, die das Institut zu leisten haben wird, da klar ist, welcher Gesinnung allein es sein darf. Die Verknüpftheit des Instituts mit den praktischen Aufgaben und ein gewisses Mißtrauen gegen die Lehr- und Erziehungsmethode der „bürgerlichen" Staaten Europas und Amerikas wird die Aufmerksamkeit der wissenschaftlich Tätigen nicht bei der Kinderpsychologie stehen bleiben lassen — von der im Grunde bisher die Rede war —, sondern sie zur Untersuchung der eigentlich pädagogischen Vorgänge führen. Denn jenes Mißtrauen hat nur eine fruchtbare Weise sich auszuwirken: indem es die behaupteten Erfolge der üblichen Maßnahmen kritisch und empirisch untersucht. Also nicht allein ein Inventar des Schulwesens, eine gründliche Untersuchung des Zustandes der Kinder und Jugendlichen vorzunehmen, ist Aufgabe des Instituts, sondern auch die Feststellung, wie weit nun dieses Schulwesen diese Kinder tatsächlich im Sinne eines bestimmten Ideals erzieht. Der Sprachunterricht, die allgemeinen Kenntnisfächer nach Inhalt und Methode, ebenso wie die organisatorischen Fundamente: Klassen, Noten, Prüfungen, Lehrpläne, Stundenpläne, Strafen, Belohnungen und das ganze System der disziplinären Maßnahmen, und schließlich die sozialen Grundlagen des Schulwesens, die Einteilung in niedere und höhere, das Berechtigungswesen, die fachliche Vor- und Fortbildung, Berufswahl und -Auslese, all dies unter gleichmäßiger Berücksichtigung der bewußten und der unbewußten durch Milieu, Beruf, Gesellschaft wirkenden Faktoren muß allmählich in den Forschungsbereich des Instituts einbezogen werden. Es muß festgestellt werden, wie weit diesen Methoden und Inhalten tatsächlich Kraft der Veränderung der kindlichen und jugendlichen Entwicklung innewohnt, und in welcher Richtung diese sich bewegt, ob nicht, was als bewährte Methode zur Erreichung eines ideellen, allgemein menschlichen, kulturellen Zwecks angegeben wird, in Wahrheit zwar nicht diesen, wohl aber einen nur im Interesse der herrschenden Klasse liegenden in aller Heimlichkeit und Verborgenheit erreicht. Vor allem dann werden solche Forschungen von institutswegen einzusetzen haben, wenn irgendwo für den naiven Blick des Nichtpädagogen eine konkrete palästinensische Aufgabe in gewissen Widerspruch mit den importierten (allgemein europäischen) Anschauungen oder Einrichtungen zu geraten scheint; wenn die quasi-Fachleute der Pädagogik eine aufkeimende originelle Lösung durch ihre „bewährten" Weisen unterdrücken wollen. Dann wird die Untersuchung einsetzen, ob diese oder jene, ein ausschließlich Richtiges in Händen zu haben, mit Recht behaupten dürfen. Wissenschaftliche Gutachten werden es vor allem sein, die zu erstatten in dieser Beziehung des Instituts wichtige Aufgabe sein wird. Um hier ernsthaft und gründlich entscheiden zu können, wird es nötig sein,