Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Ein pädagogisches Forschungs-Institut in Palästina
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 474 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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474 Siegfried Bernfeld: schweigen an einer zentralen Stelle das Gefallen dieser Kreise gewonnen werden könnte, scheint es mir unerläßlich, darauf hinzuweisen: bei keiner kulturellen Unternehmung ist es gleichgültig, unter welchem sozialen Aspekt sie begonnen und gefördert wird; auch nicht bei der Wissenschaft und schon gar nicht bei der Wissenschaft von der Erziehung. Gewiß ist: die empirischen Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen sind unabhängig von jeder nationalen und kulturellen Bindung, von jeder sozialen Gesinnung, Aber ihre Fragestellungen sind innig von diesen Faktoren abhängig. Ein Institut für Pädagogik, das der sozialistischen Ordnung, den arbeitenden Menschen dienen will, forscht, wo dasselbe, das der Rentabilität des privaten Kapitals dienen muß, glaubt. Und was wir im Lande beim Aufbau des Erziehungswesens brauchen, ist freilich zunächst wissenschaftlicher Geist in Verwaltung, Schule und Lehrerbildung, wissenschaftlicher Geist der Empirie und des konkreten Detailärbeitens überhaupt — aber er wird nicht zugleich dem Auf bau der sozialen Ordnung dienen, er wird diesen hindern, wenn er sich nicht verknüpft mit einem bestimmten sozialen Wollen, ja er wird sonst nicht einmal der pädagogischen Entwicklung dienen, sondern gebannt in den Raum der Bibliothek und des Laboratoriums, eng, abstrakt und schließlich stockig werden. Die Wissenschaft, so sehr sie als geistiges Phänomen an sich damit nichts zu tun haben mag, sie ist als soziale Erscheinung allemal, und wäre es auch nur bis zu einem gewissen Grad, Instrument jener sozialen Entwicklung und Auseinandersetzung, die man heute Klassenkampf nennt, und es kommt alles darauf an, welchem Partner sie als Kampfmittel dient, ob sie die Vergangenheit vergewaltigt, sich noch ein Stündlein Gegenwart zu ertäuschen, oder ob die Zukunft ihrer Hilfe ein schnelleres Heutewerden verdankt. Eingangs wurde betont, daß hier nicht ein beliebiger Vorschlag, der ausgeklügelt und zusammengedacht ist, gegeben werden soll, sondern daß ich versuche, eine Einrichtung zu schildern, die so oder ähnlich aus den vorhandenen Bedingungen erwachsen dürfte. Und gerade darum, weil zu erwarten ist, daß dieses Institut irgendwoher und irgendwie — wenigstens in seinen bisher geschilderten konkreten Arbeiten — sich entwickeln wird, ist nötig, deutlich zu betonen, daß nur eine Wahl ist: entweder wird sein Tun und Bemühen Arbeit und soziale Gemeinschaft im Lande bewußt fördern, oder es wird sie stören, wenn nicht nach amerikoeuropäischem Vorbild vergewaltigen, und zwar gewiß nicht als ausgesprochenes Ziel, nicht einmal als ausdrücklich zugestandene Nebenerscheinung, sondern gedeckt durch ein strahlendes Schild von Phrasen über die Objektivität der Wissenschaft, über die politische — wie man statt soziale sagen wird — Neutralität der Erziehung. Das gilt es zu verhindern. Noch darf man hoffen, daß eine „aufbauende" Verhinderung möglich sein wird, daß die Arbeiterschaft und ihre Lehrerschaft Menschen, Einsicht und Einfluß genug haben werden, um rechtzeitig jenes pädagogische Forschungsinstitut zu errichten, das ihnen dient. Gelingt das nicht, so wird das andere, wenn es begründet werden sollte, zu bekämpfen sein — in dieser oder in