Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Ein pädagogisches Forschungs-Institut in Palästina
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 473 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Ein pädagogisches Forschungs-Institut in Palästina 473 aussetzungen. Es muß an dieser Stelle genügen, das behauptet zu haben und durch ein Beispiel zu illustrieren*): Man untersucht recht eifrig, welche Lehrgegenstände bei Kindern beliebt sind, wie lange eine Unterrichtsstunde währen soll, welches die psychischen und sozialen Nebenerscheinungen des Prüfungs- und Zensurenwesens sind — daß aber Lehrfächer, Stundeneinteilung, Prüfungen, Klassen vielleicht gar nicht die unumstößlichen Grundpfeiler des Schulwesens sein müßten, bleibt völlig unbeachtet. Und muß es bleiben, weil der allgemeine Grundriß des europäischen Erziehungswesens gezeichnet ist von seiner bürgerlichen Klassengesellschaft, und von deren jeweiligem Zustand bis in zahllose Details hinein bestimmt ist. Der Wissenschaft ist erlaubt, diesen Zaun zu überfliegen und im Abstrakten zu forschen, oder sie muß innerhalb seines engen Bereiches verbleiben, an ihm selbst aber sich zu schaffen machen gilt als verboten, so sehr, daß dies Verbot unausgesprochen wirkt, als stünde der Tod auf dem Vergehen. Gewiß glaubt niemand mehr, daß in Erez Israel von Anbeginn die neue Gesellschaft, die sozialistische, klassenlose Arbeiter-Menschen-Gesellschaft dastehen wird. Wir werden eine kämpfend zum fernen Idealen sich entwickelnde Klassengesellschaft im Lande haben, — wir haben sie schon — und darum wird auch unser Erziehungswesen das einer Klassengesellschaft sein; darum wird an seinen Fundamenten zu forschen ebenso wie jedes Daranrühren so sehr verboten sein, daß nur wenige unabhängige Köpfe es und damit sich wagen werden. Aber dennoch ist vom ersten Tag an das Verhältnis der Klassen in Palästina anders als in Europa - Amerika. Das kulturelle Gewicht wird mehr als sonstwo und mehr, als dem ökonomischen entsprechen wird, bei den arbeitenden Menschen im Lande sein oder wenigstens sein können, und das pädagogische Wesen, die psychologisch-pädagogische Forschung wird daher eine engere Verknüpfung zu allem Konkreten und eine größere Unabhängigkeit im Denken und Forschen an allen grundsätzlichen Bedingungen und Begrenzungen erfahren. Vielleicht wird mancher es für unklug oder unvorsichtig halten, daß durch diese Bemerkung eine gewisse Einfügung des Institutes in die sozialen Kämpfe, die in irgendeiner Form die Entwicklung des Landes in den nächsten Jahren beherrschen werden, angedeutet wurde, um so weniger klug, als ja bei einer wissenschaftlichen Untersuchung der objektive wissenschaftliche Zweck leicht genug als einzige Funktion dargestellt werden könne, und es unnötig sei, durch Betonung irgendwelcher außerwissenschaftlicher Wirkungen nach irgendeiner Seite, und in unserem Fall noch überdies nach der zahlungsfähigen, anzustoßen. Aber auf die Gefahr hin, daß durch diese eben begonnene Erörterung mein Vorschlag gewissen Kreisen in Erez Israel und außerhalb bloß deswegen mißfallen sollte, und selbst wenn ich der Meinung wäre, daß durch ein Ver- ~^*7lrnAbschnitt „Das europäische Vorbild" meines Buches „Das jüdische Volk und seine Jugend" (R. Löwit Verlag) und in mehreren meiner Aufsätze findet der Leser gegebenenfalls das Nähere ausgeführt.