Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Ein pädagogisches Forschungs-Institut in Palästina
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 472 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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472 Siegfried Bernfeld: ches Beobachten, so sehr es natürlich von mannigfaltigen Zufällen abhängig ist, doch nach einem gewissen, freilich nicht starren, sondern belebenden Plan geschehe, daß die Erkenntnisausschnitte der Einzelnen sich irgendwo zu einer Gesamtanschauung zusammenfügen, und daß diese wieder zurückkehre zu den Einzelnen. Zu diesem Zweck wird das Institut gewisse einfache und grundlegende Erhebungen über körperliche, intellektuelle, affektive und soziale Tatsachen des Kindeslebens einheitlich im ganzen Lande vornehmen, in angemessenen Abständen wiederholen und kontrollieren, regelmäßig an den einwandernden Kindern vornehmen lassen; es wird Richtlinien und Anleitung, Förderung aller Art jenen zuwenden, die darüber hinaus Interesse fühlen, einer speziellen Frage nachzugehen; es wird Themen und Anregung jeder Art solchen vermitteln, die allgemeines Interesse oder Pflichtgefühl zu irgend einer Hilfeleistung an dieses Werk der Selbsterkenntnis des Volkes drängt. Und schließlich wird es Sorge zu tragen haben, daß die Erfolge dieses mannigfaltigen Bemühens keinem verschlossen bleiben, der ihrer benötigen könnte. Bei solchen Arbeiten wird Problemstellung und Methode im allgemeinen sich wenig unterscheiden von dem Verfahren in den europäischen Kinder- und Jugendforschungsinstituten der Universitäten und Lehrerbildungsanstalten und der amerikanischen Child-Study-Institutionen. Aber in zwei Richtungen sind heute schon gewisse eigene Wege vorgezeichnet: im konkreten Zustand des Landes und der Bevölkerung, die der Wirkungsbereich des Instituts sein werden. Erstens: Während die ähnlichen Anstalten in Europa und Amerika weitgehend unabhängig vom realen Erziehungswesen sind, und sehr viele ihrer Untersuchungen lediglich theoretischem Interesse entspringen, werden wir auf lange jimaus uns den Aufwand autonomen wissenschaftlichen Bemühens in Erziehungsdingen kaum leisten können. Die Aufgaben unseres Forschungsinstitutes werden vielleicht nur allzusehr beeinflußt sein durch die brennenden Fragen der Praxis. Es ist zunächst auf sehr wenige mitarbeitende Lehrer zu rechnen; und diese werden ihre wissenschaftlichen Aufgaben aus der großen Zahl der Probleme schöpfen müssen, die sie, beängstigend oder anregend, nahe umgeben. Das Institut wird darum weniger systematisch, weniger formal vorgehen können, als die verwandten Institutionen an anderen Orten; etwas Fragmentarisches, selbst Zufälliges wird seinen Unternehmungen anhaften, wird geradezu der Beweis dafür sein, daß es richtig und fruchtbar arbeitet, daß es im Zusammenhang mit dem Leben auf wirklich aktivem Interesse der Lehrenden und Erziehenden aufgebaut ist. — Zweitens: Während in der pädagogischen Forschung des Auslandes eine große Unabhängigkeit vom speziellen pädagogischen Leben bemerkbar ist, und wir uns hüten müssen dies nachzuahmen, ist ersichtlich das pädagogisch-wissenschaftliche und kinderpsychologische Bemühen Europas und Amerikas starr gebannt in den allgemeinen Rahmen des gegenwärtigen Erziehungswesens und seiner kulturellen Vor-