Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Ein pädagogisches Forschungs-Institut in Palästina
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 470 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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470 Siegfried Bernfeld: als eine leichte Korrektur, als eine geringfügige Ergänzung an einem ohnehin Nötigen und es würde zur historischen Quelle, während es ohne diese Berücksichtigung einer späteren Zeit minder nutz würde, so könnte sehr wohl auch dieser Zweck mit bedacht werden. Es kommt aber eins hinzu, das uns die historische Absicht schon heute nahelegt. Wir fangen in Erez Israel heute nicht an; sondern wir setzen bloß fort, vielleicht in einer neuen Epoche, aber selbst dieses ist noch gar wenig gewiß. Und nichts bezeichnet den Grad pädagogischer Kultur so scharf, wie das Maß ihrer Selbsterkenntnisbemühungen, und das ist die Betrachtung ihrer Vergangenheit, Zudem rechnet die pädagogische Historie meist nicht mit Jahrhunderten, sondern mit Jahrzehnten; und uns selbst erscheint, was wir noch anfangen sahen, heute als recht vergangen, und was wir heute tun, wird — so hoffen wir — uns noch völlig als historisch erscheinen. Wenn also das Institut darangehen wird, ein vollständiges Inventar des gegenwärtigen pädagogischen Zustandes in Erez Israel aufzunehmen, so wird es, was noch an dienlichen Zeugen des gestrigen und vorigen Zustandes vorhanden ist, mit aufnehmen. Jedenfalls aber wird das Institut — schon um die Bedürfnisse der Verwaltung zu befriedigen — ein Archiv einzurichten und auszubauen haben. Es wird mit Hilfe des amtlichen Rechtes, Dokumente, Berichte, Materialien einzufordern, ein lückenloses Bild aller Schulen und Institutionen aller Art geben können, die sich mit Kindheit und Jugend befassen und so das Material bereitstellen, aus dem authentisch alle Daten über die innere und äußere * 4 Einrichtung der Institutionen, über die an ihnen tätigen Menschen, über die physischen und psychologischen Verhältnisse der Kinder und Jugendlichen entnommen werden können. Es wird nicht versäumt werden, auch die Lehrbücher, Lehrmittel, Lernbehelfe u. dgl. in einer Art Schul- oder Erziehungsmuseum zu sammeln. Die eigenartigen Zustände des Landes, daß in ihm von Anfang an gerade das Erziehungswesen unter viel strengerer und allgemeinerer Kontrolle der Gesamtheit steht, als sonst üblich ist, werden das Institut veranlassen, den Äußerungen der Öffentlichkeit in Literatur, Presse, Partei, Versammlung und Verein eine besondere Aufmerksamkeit zu widmen, die entsprechenden Bücher, Zeitschriften, Zeitungen zu sammeln und zu sichten. Das Gleiche gilt selbstverständlich in noch höherem Maße für die pädagogische Fachliteratur, in hebräischer Sprache oder im Lande erschienen. Die engen Beziehungen, die das jüdische Volk in Erez Israel mit dem arabischen, mit England und den europäischen Gruppen verbindet, lassen es als unerläßlich erscheinen, daß jenes Archiv, von dem wir hier sprechen, sich nicht auf die jüdischen Erscheinungen beschränke, sondern sich auf alles erzieherische Tun im Lande erstrecke. Dabei wird vermutlich ganz allgemein manches in den Kreis der pädagogischen Aufmerksamkeit einbezogen werden, was ihr in Europa im strengen Wortsinn und im üblichen Gebrauch nicht angehört. Denn gerade in einem jungen, in einem sich entwickelnden Volk ist ganz besonders deutlich, was ganz allgemein für alle Erziehungseinrich-