Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Ein pädagogisches Forschungs-Institut in Palästina
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 467 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101163-3101171-3105911--4373-3105978- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Ein pädagogisches Forschungs-Institut in Palästina 467 Ziehungswesens im ganzen und die richtige und fruchtbare Lösung jeder einzelnen Frage darunter, daß die Denkenden und Erprobenden voneinander getrennt sind, so daß dieselbe Erfahrung an vielen Stellen unabhängig, derselbe Irrtum von verschiedenen Menschen zugleich und nacheinander gemacht werden muß, oft ein Problem hier, dessen Lösung dort gesehen wird, hier ohne Lösung, dort ohne fruchtbare konkrete Aufgabe, daß die Instanzen Lehrerbildung, Verwaltung und tägliches pädagogisches Leben, Versuchen, Erfahren voneinander nichts wissen, oder wenigstens nicht voneinander wissen müssen, und daß sich endlich kein Einzelner, der dies zudem nebenbei tun muß, für jeden Fall genügend klar, umfassend und tief, schon gar nicht aber andauernd und für alle möglichen oder wahrscheinlichen Fälle im voraus, einen Überblick über ähnliche und anregende, belehrende oder warnende Erfahrungen in Europa und Amerika schaffen kann. Darum wird sich mit Notwendigkeit über kurz oder lang eine innige Verschmelzung zwischen Lehrerbildung, Verwaltung und Erfahrungssammlung entwickeln, es wird für diese letztere Aufgabe eine Einrichtung geschaffen werden, die alle einzelnen im Erziehungswesen Tätigen von der allgemeinen Sammlung des ausländischen Erfahrungsmaterials entlasten und diese Funktion besonderen dafür geeigneten Personen übertragen, sie in der richtigen Weise mit denen in Verbindung setzen wird, die dieser aufgespeicherten Kenntnisse im bestimmten Fall bedürfen; eine Einrichtung, die andererseits, was an pädagogischen Erkenntnissen im Lande selbst, an seinen Brennpunkten ebenso wie in der entlegensten Kwuzah gewonnen wurde, wie ein Kraftverteiler erst an einem Ort konzentriert und dann fruchtbar machend überallhin ausstrahlt. Wir wollen diese künftige Einrichtung das pädagogische Institut*) nennen. Und versuchen vorschlagsweise seinen inneren Aufbau, seine Aufgaben und seine Wirksamkeit zu skizzieren. Nicht weil wir meinen, daß es nur auf diese und auf keine andere Weise richtig wäre, sondern als einfachen Vorschlag, der auf Kenntnis der ähnlichen Institutionen in Europa und Amerika aufgebaut, unter Berücksichtigung unserer spezifischen Verhältnisse und Bedingungen, nicht zuletzt unserer Armut und Begrenztheit in allen Belangen, eine zusammenfassende Überlegung des Möglichen und Nötigen bildet. Das Wesen des Instituts ist der harmonische Ausgleich zwischen vernünftiger Spezialisierung, also genügend aber nicht zu weitgehender Spezialisierung und Zusammenfassung und Belebung aller pädagogischen Kräfte zu einer, wenigstens kollektiven, aber womöglich auch personellen Universalität. Das wäre das Grundprinzip einer Organisation, das auf alle seine speziellen Aufgaben anzuwenden sein wird, die nun vorerst im Einzelnen behandelt werden sollen. *) Der Leser wird bald sehen, daß mit diesem Namen das gleiche Prinzip und dieselbe Institution bezeichnet wird, die ich in der pädagogischen Utopie (meines Buches: Das jüdische Volk und seine Jugend) die pädagogische Fakultät nannte. Fakultät und Institut unterscheiden sich als Dinge wie Utopie zur realen Möglichkeit und im Grunde — was die Worte schon enthalten — wie Anfang und Ende.