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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 8-9 · p. 463

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 8-9
Article
Humanismus
Date
1920-01-01
Page
463 (sequence 5)
Language
German
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Humanismus 463 springt in die Augen und ist zweifelsohne von einschneidender Bedeutung. Und doch möchten wir für einen Augenblick die Frage aufwerfen, ob nicht die hellenische Intellektualität in stärkerem Maße ein verbindendes Moment zwischen hellenischer und jüdischer Lebensauffassung als die jüdische Ethizität ein trennendes Moment zwischen diesen bildet. Ob nicht die hellenischrömische Ratio eine Brücke zum Judentum schlägt, die über alle sonstigen Differenzen, deren Tragweite keineswegs in Abrede gestellt oder auch nur geschmälert werden soll, schließlich hinwegzuhelfen vermöchte? Aber wie dem auch sei — den eigentlichen Gegensatz zur jüdischen Lebens- und Weltanschauung bildet, unseres Ermessens, erst die Lebens- und Weltanschauung des tieferen Orients, wie aller anderen unter diesem Himmelstrich geborenen Lehren und Religionen.. Diese sind sämtlich kosmisch, jedenfalls naturalistisch angelegt und bekunden fast alle die starke Tendenz, die menschliche Seele in das große All untertauchen zu lassen, während die Konzeption des Judentums vornehmlich humanistisch ist, humanistisch in dem Sinne, daß sie den bewußten und ""zwecksetzenden Willen mit allem Nachdruck aus dem Weltganzen herauszustreichen sucht, umjhn dem universellen Geschehen entgegenzustellen. Die religiösen Konzeptionen des tieferen Orients neigen mehr zur Idylle, weil sie fast sämtlich vom Geiste der Versöhnlichkeit und Ergebenheit getragen sind, die religiöse Konzeption des Judentums hingegen neigt mehr zur Tragik, weil sie zuviel aufs Spiel setzt und der menschlichen Persönlichkeit zuviel zumutet. Tragödien im literarischen Sinne hat uns das jüdische Schrifttum freilich nicht hinterlassen. Aber das Judentum hat den eigentlichen Stoff für diese Art literarischer Behandlung bedeutend vertieft, denn es hat wohl zum ersten Male in der Geschichte der Menschheitsentwicklung diese unüberbrückbare Kluft zwischen Person und Welt gelegt und dadurch eine besonders scharfe Empfänglichkeit für den Gegensatz zwischen Natur und Mensch, zwischen Naturnotwendigkeit und Spontaneität im Bewußtsein der Menschheit großgezogen. Gewiß, das Judentum wollte vom Fatum so wenig wie nur möglich wissen. Im Gegenteil — es wollte dem blinden Geschehen der Naturnotwendigkeit den spontanen, selbstbestimmenden Willen entgegensetzen. Allein diese Absicht zeitigte ein stracks entgegengesetztes Resultat. Mit dem Augenblick, wo das Subjekt auf sich selber gestellt wurde, begann es erst recht die Wucht des Schicksals in seiner ganzen Unerbittlichkeit zu spüren. Übrigens hat die Lyrik dieselbe Quelle wie die Dramatik. Hier wie dort handelt es sich vornehmlich um die Leidensgeschichte der menschlichen Seele, die erst durch ihre Herauslösung ans dem Weltganzen und somit durch ihre Isolierung diese besondere Bedeutung erlangen und zum Gegenstande dieses besondern Interesses werden konnte. Und man kann ohne Übertreibung sagen, daß die hervorragendsten Schöpfungen der westeuropäischen Lyrik und Dramatik mit ihrer Einstellung auf das Personale und ihrer seelischen Überschwenglichkeit ohne ihr Wissen vielleicht unter dem starken Einflüsse dieser von uns behandelten urjüdischen Lebensanschauung stehen. Überhaupt weist

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