Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Humanismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 464 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3101111-3101163-3101171-3105910--4369-3105975- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
464 Rafael Seligmann: Humanismus das Judentum entschieden einen mehr westlichen als eigentlichen orientalischen Typus auf. Der westeuropäische Typus mit seinen besten Eigenschaften, aber freilich auch mit seinen düsteren Kehrseiten wird bereits in dieser urjüdischen Konzeption in zwar knappen, aber ziemlich sicheren und markigen Strichen skizziert. Westeuropäisch an ihr — und zwar westeuropäisch im besseren Sinne des Wortes — ist die Reaktivität des Willens auf das äußere Naturgeschehen, der Drang zur Betätigung und Bekämpfung äußerer wie innerer Hindernisse und der Primat des Vernunftgemäßen über das dumpf Natürliche. Wir erkennen darin die edelsten Züge der westeuropäischen Physiognomie vor ihrer heutigen Verzerrung unt Entartung. Aber freilich auch alle Gefahren, denen dieser Typus ausgesetzt und denen er endlich verfallen ist. Es stecken darin bereits implicite die Möglichkeiten zu jenen Auswüchsen, die den westeuropäischen Durchschnittstypus zu einer schädlichen Erscheinung für die Sache der Menschheit machen: barbarisches Draufgängertum, seelische Unkultur, Mangel an metaphysischem Sinn, materialistische Gesinnung und gehässige Intoleranz gegenüber anders Geartetem. Den Primat des Menschlichen hat das ursprüngliche Judentum leidenschaftlicher als irgendeine andere Lehre im Weisheitsschatz der Menschheit proklamiert und verkündet. Es hat die Gegenüberstellung zwischen Mensch und Natur schärfer als irgendwelche andere Anschauung unterstrichen. In dieser Hinsicht blieb sich der jüdische Typus bei all seinen mannigfachen und tiefgreifenden Wandlungen in allen seinen Äußerungen bis auf den letzten Augenblick vollkommen treu. Er war schon von Haus aus eigentlich nicht orientalisch veranlagt und es fehlten ihm von Anfang an jene kosmische Gesinnung und jenes Gefühl des Verwachsenseins mit dem All, die dem Menschen des tieferen Orients so eigen sind. Er wies schon ganz früh in seiner geistigen Physiognomie einen gewissen europäischen Zug auf, europäisch in dem von uns bereits erwähnten Sinne, im Sinne eines energetischen Tatendranges und draufgängerischer Reaktivität. Der soeben emanzipierte Ghettojude vermochte sich daher rasch im europäischen Treiben zurechtzufinden, denn die europäische Aggressivität entsprach vollkommen seinen von Hause aus energetischen Trieben. Vollends im europäischen Parteiwesen mit dessen Rechthaberei und Intoleranz fühlte er sich ganz zu Hause. Hier war er in seinem eigentlichen Element. Polemisieren, streiten, hadern, - zanken, intrigieren, den Gegner ins Lächerliche ziehen und mit autoritativen Zitaten um sich werfen — dies alles wehte ihn wie Heimatluft an. Aber er produzierte auch viel und betätigte sich rastlos auf allen Gebieten. In den tiefer gelegenen orientalischen Ländern hingegen hat der jüdische Typus zur Zeit der Diaspora nichts hervorbringen können, was mit den einheimischen Geisteserzeugnissen sich einigermaßen messen könnte. Das tieforientalische Wesen blieb ihm gewissermaßen fremd und er vermochte in dem Rahmen der tieforientalischen Anschauungen weder zu denken noch zu dichten. Es herrschte hier eine andere Einstellung, eine andere Weisheit, in die der jüdische Typus sich nicht hineinleben konnte.