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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 8-9 · p. 462

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 8-9
Article
Humanismus
Date
1920-01-01
Page
462 (sequence 4)
Language
German
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Rafaei Seligmann: milde Neigungen groß zu ziehen. Diese Herrschaft und die mit ihr verbundene- Ausbeutung lebender Wesen muß auf die Dauer gewalttätige Instinkte in seinem Inneren auslösen* Durch sein häufiges Herumziehen mit der Herde bekommt außerdem der Viehzüchter weit öfter als der Ackersmann Gelegen« heit, mit anderen zusammenzustoßen und sich in schlimme Händel mit seinen Nachbarn zu verwickeln* Dies alles macht, daß der Viehzüchter schon sehr früh sich zu einem robusten und rasch zugreifenden Willensmenschen herausbildet, Die großen ackerbautreibenden Völker des tieferen Orients an den Ufern des Indus und Ganges, wie in den weiten Ebenen des chinesischen Reiches, haben sich freilich in anderen Bahnen bewegt und sind in ihren religiösen Vorstellungen von anderen Voraussetzungen geleitet worden. Der tägliche Verkehr mit der mütterlichen, fruchtbaren Erde und der fortwährende Kontakt mit den bald herrlichen, bald schauerlichen, aber immer großartigen Mächten der äußeren Natur hat einerseits ihrem Geiste eine kosmische Weite gegeben und andererseits ihrem Gemüte die Schärfe individualistischer Zuspitzung genommen. Sie wurden versöhnlicher, milder, ergebener und bescheidener gestimmt und lernten in ihrer konkreten Fühlungnahme mit dem ewigen Fluß des kosmischen Geschehens den Wert des menschlichen Ith* etwas nüchterner und objektiver einzuschätzen* Im vertraulichen Verkehr mit den großartigen Naturgewalten haben sie schärfer als das nomadische Semitentum die Stimme der Ewigkeit, das große Schweigen heraushören können und wurden selber stiller, nachdenklicher und in sich gekehrter als ihre aufbrausenden Nachbarn aus dem vorderen Orient. In dieser Atmosphäre konnte eine Riesengestalt wie Laotse aufwachsen und gedeihen, der lange vor jeder europäischen Wissenschaft die Bedeutung der Evolution im Leben der äußeren Natur, wie dem der menschlichen Gesellschaft vollkommen begriff und unzweideutig, wiewohl auf seine eigene originelle und vielfach verschleierte Weise, aussprach, Und dementsprechend gestalteten sich die religiösen Vorstellungen dieser Völker, Sie wurden ihnen durch ihre ackerbauliche Lebensweise, durch den ganzen Habitus ihrer wurzelfesten und bodenständigen Kultur, wie durch ihre äußere Naturumgebung diktiert* Ihre Götter wuchsen ihnen direkt aus dem Kosmos heraus und waren immer bereit, in ihn wieder hineinzugehen. Diese Götter waren keine unerbittlichen Draufgänger und dachten nicht daran, ihren Willen und ihr Wesen den anderen aufzuzwingen. Es fehlte ihnen, freilich, der moralische Eifer, weil sie überhaupt keinen Eifer besaßen und Duldsamkeit einen markanten Zug in ihrem Charakter bildet. Es ist vielleicht ein einseitiges und unzutreffendes Verfahren, wenn man das Judentum als Kulturerscheinung immer wieder mit dem Hellenen* und Römertum vergleicht, um die charakteristischen Eigenschaften des ersteren deutlicher herausstreichen zu können. Die Gründe, die dafür maßgebend ,i*ren, sind zur Genüge bekannt. Es mußte in der Tat besonders auffallen, auf der einen Seite Intellektualität, auf der anderen Seite Moralität eine trale Stellung einnimmt. Der Unterschied in den beiden Lebensauffassungen

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